Europa: Wie der Euro noch zu retten ist…

Gefunden bei ftd.de:

Schuldenkrise in Europa

Joseph Stiglitz – Wie der Euro noch zu retten ist

Kommentar Die europäischen Defizitländer sollten nicht gezwungen werden, sich zu Tode zu sparen. Es gibt drei weitere Möglichkeiten, das Bestehen der Währungsunion zu sichern. von Joseph Stiglitz

Die griechische Finanzkrise hat die Existenz des Euro selbst aufs Spiel gesetzt. Bei seiner Einführung fragten sich viele, ob er langfristig Erfolg haben könnte. Als alles gut ging, waren diese Bedenken vergessen. Doch blieb die Frage, wie Anpassungen möglich wären, wenn ein Teil der Euro-Zone unter einem starken negativen Schock leiden würde. Denn mit der Festlegung auf einen gemeinsamen Wechselkurs ging den nationalen Regierungen ein wichtiges konjunktursteuerndes Instrument verloren.

Der Nobelpreisträger Robert Mundell hat einst die Bedingungen dargestellt, unter denen eine Einheitswährung funktionieren kann. Europa hat diese Bedingungen damals nicht erfüllt, und es erfüllt sie immer noch nicht. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit hat einen gemeinsamen Arbeitsmarkt geschaffen, aber sprachliche und kulturelle Barrieren machen eine Mobilität der Arbeitskräfte im amerikanischen Stil undenkbar. Darüber hinaus hat Europa keine Möglichkeit, Ländern mit ernsten Problemen zu helfen. Spaniens Defizit etwa ist aufgrund der Krise auf über elf Prozent des BIPs geklettert. Nach den Regeln der EU muss das Land jetzt Ausgaben kürzen, was die Arbeitslosigkeit verschlimmern, die Haushaltslage aber nur minimal verbessern dürfte.

Einige Leute hoffen, dass die griechische Tragödie die Politiker davon überzeugen wird, dass der Euro ohne mehr Kooperation (einschließlich finanzieller Hilfen) keinen Erfolg haben kann. Doch Deutschland hat sich Hilfen für Griechenland so lange wie möglich verweigert. Viele fanden diese Haltung seltsam: Milliarden waren ausgegeben worden, um Banken zu retten, doch die Rettung eines Landes war offenbar tabu.

Dabei stand nicht einmal fest, dass die Hilfe ein echtes Rettungspaket wäre: Ein Darlehen an Griechenland zu einem erschwinglichen Zinssatz würde wahrscheinlich wieder zurückgezahlt.

Erst als die vagen Versprechen, die den Markt beruhigen sollten, gescheitert waren, hat die EU ein Hilfsprogramm zusammen mit dem IWF aufgelegt. Die Frage ist, zu welchen Bedingungen. Wie groß werden die negativen Auswirkungen sein?

Hohes Risiko für Spekulationsangriff

Für die kleineren Länder der EU ist die Lektion eindeutig: Wenn sie ihre Haushaltsdefizite nicht reduzieren, besteht ein hohes Risiko für einen Spekulationsangriff, mit geringen Aussichten auf angemessene Unterstützung von den Nachbarn, zumindest nicht ohne schmerzhafte und kontraproduktive prozyklische Haushaltseinschränkungen. Während die europäischen Länder diese Maßnahmen umsetzen, wird ihre Wirtschaft wahrscheinlich schwächer – mit unerfreulichen Folgen für die globale Erholung.

Es kann hilfreich sein, die Probleme des Euro von der globalen Warte aus zu betrachten. Die USA haben sich über Chinas Leistungsbilanzüberschüsse (Handelsüberschüsse) beschwert; doch als Prozentsatz des BIPs ist Deutschlands Überschuss noch größer. Nehmen wir an, der Euro wäre so festgelegt, dass der Außenhandel der Euro-Zone insgesamt etwa ausgeglichen wäre. Wenn Deutschland einen Überschuss verzeichnet, verzeichnet der Rest Europas zwangsläufig ein Defizit.

Die USA ärgern sich, dass China seine Währung im Verhältnis zum Dollar nicht aufwerten lässt. Auch das Euro-System führt dazu, dass Deutschlands Wechselkurs gegenüber anderen Euro-Ländern nicht ansteigen kann. Würde er steigen, könnte Deutschland weniger exportieren und der Rest Europas entsprechend mehr. Die Folge dort: ein stärkeres Wachstum und sinkende Arbeitslosenzahlen.

Wie China hält Deutschland seine hohen Ersparnisse und seine Exportleistung für Tugenden, nicht als Fehler. Doch Überschüsse führen zu einer schwachen globalen Gesamtnachfrage – exportstarke Länder haben einen „negativen externen Effekt“ auf ihre Handelspartner. John Maynard Keynes ging deshalb so weit, eine Steuer für Überschussländer vorzuschlagen.

Die EU basiert auf Solidarität

Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Regelungen sind eigentlich untragbar. Die Länder, deren Defizite infolge der globalen Rezession in die Höhe geschossen sind, sollten nicht in eine Todesspirale gezwungen werden – wie Argentinien vor einem Jahrzehnt. Was also tun?

Ein Lösungsvorschlag für diese Länder ist, das Äquivalent einer Währungsabwertung vorzunehmen – eine einheitliche Lohnsenkung. Das ist meiner Meinung nach unmöglich. Die Folgen für den Einzelnen sind nicht vertretbar, die sozialen Spannungen wären gewaltig. Ein Hirngespinst.

Die zweite Lösung: der Austritt Deutschlands aus der Euro-Zone oder die Teilung der Euro-Zone in zwei Unterregionen. Der Euro war ein interessantes Experiment, doch fehlt ihm die notwendige institutionelle Unterstützung. Darin ähnelt er seinem Vorgänger, dem fast vergessenen Wechselkursmechanismus. Er brach auseinander, als Spekulanten 1992 das britische Pfund angriffen.

Der vielleicht vielversprechendste Ansatz ist der dritte: die Art von institutionellen Reformen, die mit der Einführung des Euros hätten durchgeführt werden sollen. Dazu gehört ein fiskalpolitischer Rahmen.

Noch hat Europa die Chance, diese Reformen durchzuführen. Die EU würde so den auf Solidarität beruhenden Idealen gerecht, die der Einführung des Euro zugrunde lagen. Ist Europa dazu nicht in der Lage, ist es vielleicht besser, das Scheitern zuzugeben und anders weiterzumachen. Und nicht im Namen eines fehlerhaften Wirtschaftsmodells ein hohes Maß an Arbeitslosigkeit und menschlichem Leid hinzunehmen.

* 07.05.2010

© 2010 Financial Times Deutschland


Österreich: Geheimer Notfallplan bei sich zuspitzender Krise

=> Geschlossene Banken und gesperrte Geldautomaten um „Massenpanik zu vermeiden“ – WTF?!… Gefunden bei diepresse.com:

Regierung arbeitet an „Griechenland-Gesetz“

11.05.2010 | 19:05 | CLAUDIA DANNHAUSER UND CHRISTIAN HÖLLER (Die Presse)

In Deutschland und Österreich müssen sich die Höchstgerichte mit dem Hilfspaket beschäftigen.

Wien. In Österreich gibt es einen geheimen Notfallplan, sollte sich die Finanzkrise zuspitzen. Dies wurde erstmals am Dienstag am Rande des Ministerrats bekannt. Im Innenministerium liegen entsprechende Aufmarschpläne der Exekutive vor.

Demnach müssen die Kreditinstitute vorübergehend die Schalter schließen und die Bankomaten sperren. Das Innenministerium bestätigte der „Presse“ die Existenz solcher Direktiven, äußerte sich aber nicht zu den Details. Schließlich sind veröffentlichte Pläne wohl nur noch halb so wirksam. Dem Vernehmen nach geht es dabei in erster Linie um den Schutz der Infrastruktur. Vom Prinzip her will man argentinische und griechische Zustände wie ein Erstürmen von Banken oder eine Massenpanik vermeiden. Die Handlungsanweisungen dafür gibt es nicht erst seit ein paar Wochen, sondern sie wurden bereits zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 festgelegt.

Wie in anderen EU-Ländern werden in Österreich die gesetzlichen Änderungen für die Griechenland-Hilfe im Eiltempo beschlossen. Heute wird darüber im Finanzausschuss beraten. Am 19. Mai sollen die notwendigen Gesetzesnovellen im Parlament abgesegnet werden. „Angesichts der angespannten Situation ist ein nationaler Schulterschluss erforderlich“, meinte Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) nach dem Ministerrat. Österreich soll Griechenland Kredite in der Höhe von 2,3 Mrd. Euro gewähren. Hinzu kommen noch Haftungen in der Höhe von bis zu 15 Mrd. Euro.

Umschichtungen beim Bankenhilfspaket

„Der gesamte Haftungsrahmen der Republik wird aber nicht ausgeweitet“, versicherte Pröll. Denn für die Griechenland-Hilfe werden Teile des Bankenhilfspakets umgeschichtet. Dieses umfasst Haftungen und Garantien in der Höhe von 100 Mrd. Euro. Bislang wurden aber erst 34 Mrd. Euro in Anspruch genommen.

Die Zustimmung der Opposition ist dafür nicht erforderlich. BZÖ und FPÖ werden nicht mitmachen. Grüne-Bundessprecherin Eva Glawischnig sagte, sie stehe dem Paket mit „sehr gemischten Gefühlen“ gegenüber und will es noch im Klub ausführlich diskutieren.

Mit den Hilfen für Griechenland müssen sich in mehreren Ländern die Höchstgerichte auseinandersetzen. In Deutschland wurden schon fünf Beschwerden beim Bundesverfassungsgerichtshof in Karlsruhe eingebracht. Unter den Klägern befinden sich Universitätsprofessoren. Sie sehen in den Hilfszahlungen an Griechenland einen Verstoß gegen den Artikel 125 im Lissabon-Vertrag. Diese sogenannte „No-Bail-out“-Klausel verbietet es den Eurostaaten, für die Schuldner anderer Euromitglieder zu haften oder einzutreten. In Österreich hat die FPÖ angekündigt, wegen des Griechenland-Pakets den Verfassungsgerichtshof anzurufen. „Das Zustandekommmen des Euro-Rettungsschirms ist verfassungswidrig und verstößt auch gegen EU-Recht“, behauptet FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl.

Neben Griechenland hat sich die Regierung am Dienstag übrigens auch mit der Einführung der 500 Mio. Euro teuren Bankensteuer beschäftigt. Dazu gab es ein Treffen mit den Chefs der Großbanken. Offen ist weiterhin, ob als Bemessungsgrundlage die Bilanzsumme oder spekulative Geschäfte herangezogen werden. Dazu wurden Arbeitsgruppen eingesetzt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.05.2010)


Argentinien vor Schuldenschnitt?

Gefunden bei n-tv.de:

Freitag, 30. April 2010

Gläubiger sollen auf Hälfte verzichten – Argentinien vor Schuldenschnitt

Während in Europa um die finanzielle Zukunft Griechenlands gerungen wird, will Argentinien sich mit seinen Gläubigern auf einen hart umrungenen Schuldenschnitt einigen. Acht Jahre nach der Staatspleite sollen Investoren auf rund die Hälfte ihrer Ansprüche verzichten, um dem Land den Weg zurück an den Kapitalmarkt zu ermöglichen.

Argentinien bringt seine geplante Umschuldung voran und will das Angebot ab der kommenden Woche seinen Gläubigern unterbreiten. Wirtschaftsminister Amado Boudou will den Plan zunächst am Montag in Rom vorstellen, am Dienstag und Mittwoch in London und in der darauffolgenden Woche in New York.

Die Investoren der nicht bedienten Anleihen im Umfang von 20 Mrd. US-Dollar haben bis zum 7. Juni Zeit, den Abschlägen zuzustimmen. Analysten zufolge bietet das lateinamerikanische Land für jeden investierten Dollar etwa 52 Cent an.

Teurerster Staatsbankrott

Argentinien war im Jahr 2002 mit einem Schuldenberg von 100 Mrd. US-Dollar zahlungsunfähig geworden, der bislang teurerste Staatsbankrott in der Geschichte. In diesem Jahr muss das Land rund 15 Mrd. US-Dollar neu finanzieren. Zudem hat die Regierung wegen Wahlen im kommenden Jahr Ausgabensteigerungen von 30 Prozent eingeplant. Sie will sich bald mit den Gläubigern einigen, um nach achtjähriger Pause an den Kapitalmarkt zurückkehren zu können.

Die argentinische Pleite weist erstaunliche Parallelen zur aktuellen Krise in Griechenland auf. In beiden Fällen handelt es sich um hoffnungslos überschuldete Länder, die ihre währungspolitische Souveränität aufgegeben haben. Anders als Argentinien dürfte Griechenland als Teil einer Währungsunion jedoch am Kollaps vorbeischrammen.

Die Zahlungsunfähigkeit in Argentinien löste damals schwere Unruhen aus. Supermärkte wurden geplündert, mehrere Demonstranten getötet. In den Wochen um den Jahreswechsel 2001/2002 lösten sich insgesamt fünf Präsidenten ab. Argentinien gab die Dollar-Bindung schließlich auf und wertete die Landeswährung Peso um 65 Prozent ab.

nne/rts/AFP


Griechenland: “Eigentlich hilft nur eine Umschuldung – mit Verzicht der Gläubiger”

Der Artikel enthält auch eine interessante Grafik mit den Abschlägen für die Gläubiger bei den jüngsten Staatspleiten (z.B. Russland, Argentinien oder Ecuador)… Gefunden bei faz.net:

Griechenland

Umschuldung erscheint unausweichlich

Die Finanzmärkte bleiben skeptisch: Selbst die Hilfen von Währungsfonds und Euro-Ländern werden Griechenland womöglich nicht nachhaltig aus seiner aktuellen Schuldenklemme befreien. Eigentlich hilft nur eine Umschuldung – mit Verzicht der Gläubiger.

Von Bettina Schulz, London

27. April 2010

Das vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und von der Europäischen Union geplante Hilfspaket für Griechenland beruhigt die Investoren an den Finanzmärkten nicht. Ein Blick auf die beiden größten Schuldenkrisen der vergangenen Jahre und die brenzlige Haushaltssituation Griechenlands zeigt, warum griechische Anleihen an den Märkten weiterhin als hochriskant eingestuft werden: Sowohl in der Russland-Krise 1998 als auch in der Argentinien-Krise 2001 haben Hilfen des IWF, der Weltbank und anderer Staaten eine Umschuldung nicht verhindert.

Auch jetzt bietet das Hilfspaket Griechenland nur Beistand, um in Kürze fällige Schulden zu bedienen. Selbst wenn das Hilfspaket in den kommenden zwei Jahren insgesamt auf 80 bis 90 Milliarden Euro aufgestockt wird, wie es die Londoner City erwartet, garantiert dies nicht, dass eine Umschuldung Griechenlands vom Tisch ist.

Abschläge bei Staatspleiten (klicken für größere Darstellung)

Für die Anleger verheißt dies nichts Gutes: Nach einer Untersuchung der Ratingagentur Moody’s mussten Investoren bei 13 Zahlungsausfällen von Regierungen zwischen 1998 und 2008 im Durchschnitt einen Abschlag von 50 Prozent auf den Nennwert der Anleihen hinnehmen. Mit argentinischen Papieren verloren die Anleger 73 Prozent und mit russischen Anleihen gar 82 Prozent. Russland schaffte es erst vergangene Woche wieder, eine Euro-Anleihe aufzulegen. Argentinien ist die Rückkehr an die internationalen Kapitalmärkte bis heute nicht gelungen.

Russische Schuldenkrise 1998

Der Kern der Russland-Krise ging darauf zurück, dass das Land seit 1995 den Rubel an den Dollar koppelte, das Land jedoch nach der Asien-Krise so hohe Zinsen zahlen musste und wirtschaftlich so litt, dass der Staat 1998 die Bedienung seiner Rubel-Schulden aussetzte und die Währung abwertete. Wenig später wurden auch die Dollar-Anleihen der Außenhandelsbank nicht mehr korrekt bedient. Hilfen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank 1998 verhinderten eine Umschuldung nicht.

Argentinische Schuldenkrise 2001

Auch in Argentinien ging die Schuldenkrise zunächst auf die Koppelung des Peso an den Dollar zurück und auf den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit des Landes im Zuge des aufwertenden Dollar und den damit verbundenen Schwund seiner Währungsreserven. Auch hier versuchten der IWF, die Weltbank, die Entwicklungsbank IADB und Spanien zu helfen. Es wurden zunächst Anleihen in Wertpapiere mit längeren Laufzeiten getauscht. Aber Argentinien verfehlte die mit dem IWF ausgehandelten Ziele für das Haushaltsdefizit, erhielt keine IWF-Mittel mehr und landete in der Umschuldung.

Russland und Argentinien erholten sich in den Folgejahren wirtschaftlich mit Hilfe des globalen Konjunkturaufschwungs und der Nachfrage nach Rohstoffen. Außerdem verfolgten beide Länder einen Reformkurs. „Für eine langfristig erfolgreiche Sanierung öffentlicher Haushalte sind somit fundamentale Reformen entscheidend. Das Einschreiten des IWF oder Dritter hilft, garantiert aber keinen Sanierungserfolg“, warnt die Commerzbank mit Blick auf diese Schuldenkrisen.

Der Fall Griechenland

Eine mittel- oder langfristige Umschuldung Griechenlands ist daher nicht vom Tisch. Im Gegenteil: Die Belastungen für das Land sind höher als bei jeder anderen vergleichbaren Schuldenkrise. Die Schuldenquote ist mit 115 Prozent extrem hoch, das Haushaltsdefizit mit 13,6 Prozent gewaltig; die Rezession und das deshalb sinkende Bruttoinlandsprodukt verhindern eine Verringerung der Schulden- und Defizitquote. Griechenland kann innerhalb der Währungsunion nicht abwerten, wie dies Russland und Argentinien mit eigenständigen Währungen konnten. Griechenland verfügt zudem über keine wettbewerbsfähige Exportkraft.

Selbst wenn Griechenland in diesem Jahr 45 Milliarden Euro und in den kommenden beiden Jahren nochmals 45 Milliarden Euro Kredithilfe erhielte und diese auf Jahre nicht zurückgefordert würden, wären die Konsequenzen hart: Griechenland müsste nach Berechnungen von Barclays Capital sein Haushaltsdefizit (ohne Einrechnung von Zinszahlungen) von 8,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes bis zum Jahr 2014 in einen Überschuss von 6,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wandeln, um die Schuldeneskalation zu bremsen und im Jahr 2050 wieder eine tragbare Schuldenquote von 60 Prozent zu erreichen. An den Finanzmärkten wird bezweifelt, dass eine so harte Haushaltspolitik realistisch ist.

Umschuldung

Eine Umschuldung bringt Griechenland angesichts seines hohen Schuldenberges nur etwas, wenn der Schuldenverzicht entsprechend stark ausfällt. Ein Tausch von kurz laufenden Anleihen in Anleihen mit längerer Laufzeit bringt wenig: Würde Griechenland jetzt eine zweijährige Anleihe mit einem Zinskupon von 4,3 Prozent in eine Anleihe mit einer Laufzeit von 15 Jahren und einer derzeitigen Marktrendite von 8 Prozent tauschen, würde es seine Zinsbelastung um 68 Prozent erhöhen, sich langfristig also nur noch mehr in die Insolvenz manövrieren.

Einen wirklichen Unterschied würde langfristig nur eine Umschuldung mit drastischem Schuldenverzicht machen. Dies würde die Investoren teuer zu stehen kommen: Französische und deutsche Banken halten jeweils etwa 20 bis 30 Milliarden Euro Griechenanleihen, Versicherungen und Anleihefonds jeweils 40 bis 50 Milliarden Euro, griechische Pensionsfonds und Banken etwa jeweils 30 bis 45 Milliarden Euro.

Würde der ausstehende Schuldenbestand um 45 Prozent verringert, blieben dem Anleger je nach Rendite von 6 bis 8 Prozent nur 40 bis 50,58 Cent je Euro in der Tasche. Bei einem Abschlag von 75 Prozent blieben dem Anleger nach Berechnungen von Barclays Capital je nach Rendite 18,4 bis 23 Cent je Euro übrig, und auch da müsste Griechenland sein Haushaltsdefizit ohne Einrechnung der Zinsbelastung in einen Überschuss wandeln.

Zusätzlich zu den Griechenland-Verlusten besteht die Gefahr, dass sich auch die Renditen für zum Beispiel portugiesische Anleihen ausweiten könnten. Die Frage ist, ob eine Umschuldung angesichts der Risiken für andere Peripherieländer in der Währungsunion sofort etwas bringt.

Zahlungsausfall und Moratorium

Zudem muss zwischen Zahlungsausfall, Umschuldung und Moratorium unterschieden werden. Im Gegensatz zum Zahlungsausfall und zu einem einseitig von einer Regierung verkündeten Moratorium kann eine Umschuldung vereinbart und von der Mehrheit der Anleihegläubiger abgesegnet werden. Die Commerzbank berichtet, dass in der Regel 90 Prozent der Investoren die ausgehandelten Umtauschbedingungen großer Umschuldungen bisher akzeptiert haben. Nur im Falle Argentiniens wurden die Konditionen angesichts der Leistungsfähigkeit des Landes als zu mager abgelehnt.

Im Falle Griechenlands werden 75 Prozent der Schulden im Ausland gehalten, und zwar weitgehend in Europa. Barclays Capital vermutet, dass die Vereinbarung einer freiwilligen Umschuldung in Form von Laufzeitenverlängerung daher nicht schwerfallen dürfte. Die Bank vermutet allerdings, dass es erst dazu kommen wird, nachdem Griechenland zumindest versucht hat, Herr der Lage zu werden.

Theoretisch stehen bei einer Umschuldung mehrere Wege offen: niedrigere Zinsen, Tausch der Anleihen in länger laufende Papiere, Abstufung der Anleihen in der Rangfolge der Gläubiger und Ersatz durch Anleihen einer anderen Währung. Solange ein Land von Rating-Agenturen mit der Bonitätsstufe „Aaa“ versehen wird, können Anleihen in die entsprechende Heimatwährung getauscht werden. Deutschland könnte seine Euro-Anleihen theoretisch bei einer Neueinführung der D-Mark umbenennen. Griechenland, Portugal und Irland dürfen dies mangels ihrer Bonitätsbewertung mit einem „Aaa“ durch die Rating-Agenturen nicht, ohne dass nicht automatisch der rechtliche Fall einer Umstrukturierung greifen würde.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: AP, F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa


Griechenland: Hilfspaket angefragt…

Schneller als von manchem erwartet hat Griechenland das vor kurzem erst geschnürte “Care-Paket” angefragt – aber viele Fragen bleiben, z.B. auch, ob die anderen, ohnehin schon in leichte Schieflage geratenen PIGS Staaten wie Portugal oder Spanien, sich die Beteiligung an den Griechenland-Hilfen überhaupt leisten können…

Gefunden bei manager-magazin.de:

23. April 2010, 15:55 Uhr

Trotz Hilfe

Welche Risiken für Hellas bleiben

Von Kai Lange

Griechenland hat die EU und den IWF um Finanzhilfen gebeten. Was passiert, wenn die Sanierung Griechenlands dennoch misslingt? Sind bald Portugal oder Spanien an der Reihe? Welche Risiken tragen Steuerzahler und Investoren? manager magazin beantwortet die wichtigsten Fragen.

Hamburg – Das Pokerspiel ist zu Ende. Monatelang hat sich Griechenland darum bemüht, seine Schulden am Kapitalmarkt zu refinanzieren – während das Vertrauen der Investoren schwand und die Risikoprämien für griechische Staatsanleihen weiter in die Höhe gereizt wurden. “Der Markt wollte schlichtweg das Blatt sehen”, meint Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus.

Bei Renditen von zeitweise 8,7 Prozent für zehnjährige Staatsanleihen sieht das Land keine Chance mehr, sich frisches Geld am Markt zu besorgen. Es muss Kredite der Euro-Länder und des IWF in Anspruch nehmen, um einen Staatsbankrott zu verhindern.

Die Euro-Länder und der IWF werden Griechenland deutlich günstigere Kredite bereitstellen, als sie der Markt derzeit bietet. Der Umfang des Kreditpaketes dürfte bei rund 45 Milliarden Euro liegen, von denen die Euro-Länder zunächst 30 Milliarden und der IWF 15 Milliarden tragen. Dieses Geld verschafft dem hoch verschuldeten Land Zeit, um seine Finanzen in Ordnung zu bringen und Vertrauen am Finanzmarkt zurückzugewinnen.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank steht Griechenland vor einer “Herkulesaufgabe”. Hellas will seine Neuverschuldung von derzeit 13,5 Prozent des BIP binnen vier Jahren auf 2 Prozent des BIP drücken.

Dies ist schon unter positiven konjunkturellen Rahmenbedingungen schwierig. Der verordnete strikte Sparkurs dürfte die Wirtschaftsleistung des Landes bis 2012 um knapp 10 Prozent einbrechen lassen. Die Arbeitslosigkeit dürfte laut Deutscher Bank von 9 auf 19 Prozent hochschnellen. Wachstum ist aber Voraussetzung für eine erfolgreiche Entschuldung – die Konjunktur darf nicht vollends abgewürgt werden.

Von einer Rettung Griechenlands kann also noch keine Rede sein. Bis zu einer Bewältigung der Schuldenkrise sind weitere Hürden zu überwinden – zunächst einmal für den Weltwährungsfonds, der das Sanierungskonzept für Griechenland organisieren muss.

Warum steht der IWF jetzt unter Zeitdruck?

Normalerweise verhandelt der IWF im Fall einer Nothilfe nur mit der Zentralbank und der Regierung des betroffenen Landes – im Fall Griechenland muss sich der Weltwährungsfonds mit Griechenland, der Europäischen Zentralbank und den EU-Staaten auseinandersetzen.

“Da so viele verschiedene Akteure beteiligt sind, dürfte es für den IWF nicht einfach sein, eine Einigung zu erzielen”, heißt es in einem Kommentar der Deutschen Bank. Ohne ein fertiges Sanierungskonzept des IWF kann Griechenland jedoch nicht mit Hilfen der Euro-Partner rechnen, betonte ein Sprecher der Bundesregierung: “Ein IWF-Paket ist Voraussetzung für die Aktivierung des Hilfspakets.”

Wann fließt das Geld von EU-Ländern und IWF?

Zunächst muss der förmliche Hilfsantrag Griechenlands von EU-Kommission, EZB und IWF geprüft werden. Anschließend müssen die Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat beschließen, die Hilfen zu gewähren. Nach diesem Grundsatzbeschluss werden IWF und Europäische Kommission ein Sanierungsprogramm erstellen.

Da der Weltwährungsfonds sicherstellen muss, dass die Finanzierung des Landes für die kommenden Jahre gesichert ist, wird der IWF auch Informationen über den Kreditbedarf Griechenlands in den Jahren 2011 und 2012 anfordern. Bilaterale Kredite der EU-Länder sind außerdem von der Zustimmung der nationalen Parlamente abhängig.

Wie viel Geld muss Deutschland zahlen?

Bislang haben die EU-Länder Griechenland in diesem Jahr Kredite in Höhe von rund 30 Milliarden Euro avisiert. Da das Kapitalgewicht Deutschlands bei der EZB knapp 20 Prozent beträgt, wäre der deutsche Steuerzahler zunächst mit rund 8,4 Milliarden Euro dabei. Dieser Betrag dürfte deutlich steigen, wenn der zusätzliche Kreditbedarf Griechenlands für die beiden Folgejahre ermittelt wird. Beobachter rechnen damit, dass die EU für 2011 und 2012 weitere 35 Milliarden Euro Kredit bereitstellen wird, was den deutschen Beitrag um knapp 10 Milliarden auf dann rund 18 Milliarden Euro erhöhen dürfte.

Warum sind die Hilfen Subventionen?

Griechenland muss für die Kredite der Euro-Länder Zinsen in Höhe von voraussichtlich rund 5 Prozent zahlen. Dies liegt deutlich unter dem derzeit am Markt geforderten Zinssatz. Die Kostenersparnis Griechenlands liegt nach Berechnungen der Deutschen Bank für die ersten 30 Milliarden Euro bei bis zu 530 Millionen Euro – dieser Betrag könnte als “Subvention” bezeichnet werden. Gleichzeitig stellen die EU-Länder mit ihren Zusagen sicher, dass sich Griechenland zu planbaren Konditionen in den kommenden Jahren refinanzieren kann.

Der vom Weltwährungsfonds geforderte Zinssatz ist deutlich niedriger als die von den EU-Ländern geforderte Prämie. Er dürfte unter 3 Prozent liegen, dafür ist die Auszahlung der einzelnen Kredittranchen an strenge Auflagen geknüpft.

Müssen bald auch Portugal, Irland und Spanien gestützt werden?

An den EU-Hilfen für Griechenland sind auch die anderen hoch verschuldeten “Krisenstaaten” der Euro-Zone beteiligt. An dem bereits zugesagten Kreditpaket der Euro-Länder in Höhe von 30 Milliarden Euro trägt Spanien 3,7 Milliarden Euro, Portugal 0,8 Milliarden Euro und Irland 0,5 Milliarden Euro. Die Beträge dürften mit den erwarteten Kreditzusagen für 2011 und 2012 noch steigen. Am Markt herrscht die Befürchtung, dass die zusätzlichen finanziellen Belastungen die Probleme in diesen Staaten verschärfen könnte.

Dennoch sei Griechenland nicht mit Spanien, Portugal und Irland zu vergleichen, betonen die Analysten der Deutschen Bank. Die öffentliche Verschuldung Griechenlands lag 2009 bei knapp 120 Prozent der Wirtschaftsleistung – während sie Irland 78 Prozent, in Portugal 65 Prozent und in Spanien “nur” 55 Prozent des BIP betrug. Alle drei Staaten hätten im Vergleich zu Griechenland daher wesentlich bessere Voraussetzungen, ihre Schuldenlast zu stemmen.

Spanien, Portugal und Irland genießen derzeit ein höheres Vertrauen am Finanzmarkt und konnten sich auf Grund ihrer besseren Bonität bislang wesentlich leichter am Kapitalmarkt refinanzieren. In Irland reiche die Liquidität bereits aus, um den Bruttofinanzbedarf in diesem Jahr zu decken. “Wir sehen Griechenland innerhalb der Währungsunion als Einzelfall”, meint Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Was passiert, wenn die Sanierung Griechenlands misslingt?

Der Konsolidierungskurs der Regierung in Athen ist extrem ehrgeizig. Binnen vier Jahren soll die Neuverschuldung um 11,5 Prozent gedrückt werden – von derzeit 13,5 Prozent auf nur noch 2 Prozent des BIP im Jahr 2013. Dies ist nur mit Hilfe eines rigiden Sparprogramms möglich, das gleichzeitig aber auch die Konjunktur nicht komplett abwürgen darf. Die Wirtschaftsleistung Griechenlands dürfte in diesem Jahr auf Grund der Konsolidierung um 4 Prozent einbrechen, das wäre der schärfste Rückgang seit 1974. Bis 2012 dürfte das BIP sogar um knapp 10 Prozent zurückgehen und die Arbeitslosigkeit auf 19 Prozent steigen.

Das Athener Konsolidierungsprogramm ist optimistisch, weil es unterstellt, dass die wirtschaftliche Aktivität unter den Sparvorgaben nicht allzu stark leiden wird und die öffentliche Verschuldung bis 2019 wieder zurückgehen wird. Es besteht jedoch das Risiko, dass der strikte Sparkurs eine Abwärtsspirale in Gang setzt: Sinkt die Wirtschaftsleistung, steigt der am BIP gemessene Verschuldungsgrad des Landes.

Im Falle eines “Wachstumsschocks” – das Wachstum fällt jährlich um 1 Prozent niedriger aus als unterstellt – würde die Staatsverschuldung bis 2019 auf 190 Prozent des BIP steigen. Im Fall eines “Zinsschocks” – Griechenland müsste am Markt ab 2011 um 1 Prozent höhere Zinsen zahlen als angenommen – stünde die Staatsverschuldung auch 2019 bei knapp 130 Prozent des BIP. Kombiniert man beide Szenarien, erhöhen sich die Risiken.

Entscheidende Voraussetzung für eine Sanierung Griechenlands ist daher ausreichend Wachstum der Realwirtschaft: Dies wiederum setzt voraus, dass Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit steigert. Ohne Wachstum wird es keine Chance auf Entschuldung geben.

Die Finanzhilfen der Euro-Länder und des IWF sind jedoch daran geknüpft, dass Griechenland seine Sparvorgaben erfüllt und sein Sanierungsprogramm voranbringt. Sollte dies nicht mehr der Fall sein, müssten die Finanzhilfen eingestellt werden. Dies könnte zu einem Zahlungsausfall Griechenlands führen.

Was geschieht im Fall einer Staatspleite?

Ein Zahlungsausfall Griechenlands hätte zur Folge, dass die Kurse griechischer Staatsanleihen in den Keller rauschen. Investoren, die Anleihen gekauft und Griechenland damit Geld geliehen haben, verlieren viel Geld. Den Großteil griechischer Anleihen halten europäische Großbanken sowie Zentralbanken einzelner Staaten.

Wie hoch die Verluste der Investoren sein dürften, lässt sich nur abschätzen. Beispiele liefern frühere Staatspleiten wie in Russland und in Argentinien: Russland erklärte sich 1998 für zahlungsunfähig, und Argentinien konnte 2001 seine Schulden nicht mehr bedienen.

Russland und Argentinien als jüngere Beispiele

Beide Staaten boten ihre Anleihen zum Umtausch an – mit einem gehörigen Abschlag. Bei argentinischen Papieren betrug der Abschlag der Anleihen nach Berechnungen von Moody’s 30 Tage nach dem Zahlungsverzug durchschnittlich 73 Prozent des Nennwertes, bei russischen Papieren waren es sogar 82 Prozent Abschlag. Über alle von Moody’s untersuchten 13 Länder hinweg mussten Investoren einen durchschnittlichen Abschlag von 50 Prozent hinnehmen – die Hälfte des Geldes war weg.

Gläubiger argumentieren, dass ein Zahlungsausfall Griechenlands dem noch labilen Finanzsektor einen schweren Stoß versetzen und wie eine zweite Lehman-Pleite wirken würde – aus diesem Grund müsse eine Pleite unter allen Mitteln verhindert werden.

“Staatspleiten kommen ähnlich wie Vulkanausbrüche zu einem unerwarteten Zeitpunkt, die Kosten für die Anleger sind hoch”, schreiben die Analysten der Commerzbank in einer Studie. “Auch das Einschreiten des IWF kann nicht garantieren, dass ein Land seine Staatsfinanzen erfolgreich saniert”.

Griechenland hat also noch viel Arbeit vor sich, Risiken für Investoren bleiben bestehen – auch dann, wenn die Hilfe von IWF und Euro-Ländern in Kürze fließt.

© manager-magazin.de 2010


Griechenland: Droht ein Forderungsverzicht?…

Interessant auch, wie langsam immer höhere Summen in den Medien diskutiert werden. Jetzt ist plötzlich bis zu 100 Mrd. EUR die Rede! Gefunden bei handelsblatt.com:

20.04.2010

Anleihen: Bondgläubigern drohen Verluste

Die Kredithilfen von EU und IWF für Griechenland reichen nicht aus. Experten prophezeien, dass auch die privaten Anleihegläubiger zur Kasse gebeten werden. Es droht ein Forderungsverzicht.

von Klaus C. Engelen und Marietta Kurm-Engels

BERLIN/FRANKFURT. Eigentlich sollten die Verhandlungen über die konkreten Hilfen für Griechenland schon am Montag in Athen beginnen. Doch die isländische Asche am Himmel über Europa machte den Vertretern der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Strich durch die Rechnung. Ihre Flüge fielen aus, nun soll ab Dienstag oder Mittwoch verhandelt werden. Nicht mit am Tisch werden die Gläubiger des hoch verschuldeten Landes sitzen, die Anleihe-Investoren. Dabei erwarten viele Experten, dass ihnen auch ein Ausfall droht, ein teilweiser Ausfall ihrer Forderungen. So sagt Heribert Dieter, Finanzxperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin: „Nur ein teilweiser Forderungsverzicht der Besitzer von Anleihen, also eine Teilentschuldung, in Verbindung mit einem Maßnahmepaket zur Modernisierung der griechischen Volkswirtschaft verspricht Erfolg.“

Griechenland kämpft mit hohen Schulden, hohen Ausgaben und einer schrumpfenden Wirtschaft und war ins Visier der Finanzmärkte geraten. Spekulanten wetteten darauf, dass das Land es nicht schaffe, sich selbst aus der Misere zu befreien. Die EU-Staats- und Regierungschefs beschlossen Ende März ein Rettungspaket, das die Märkte jedoch nur vorübergehend beruhigte. Schon einen Tag später hatten die Zweifler wieder die Oberhand. Am Montag stiegen griechische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit auf bis zu 7,63 Prozent, Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit kletterten auf 7,18 Prozent.

Hilfen von mehr als 100 Mrd. Euro?

Bisher hat Finanzminister Giorgos Papakonstantinou noch offen gelassen, wann Athen ein offizielles Hilfegesuch an die EU und den IWF richten wird. Die EU stellt Athen im ersten Jahr 30 Mrd. Euro bereit, der IWF soll weitere 15 Mrd. beisteuern. Die Euro-Länder bringen ihren Beitrag entsprechend ihrem Kapitalschlüssel bei der EZB auf, auf Deutschland entfallen dadurch gut acht Mrd. Euro. Die Finanzierung danach ist offen. Insgesamt könnte sich die Hilfssumme aber auf mehr als 100 Mrd. Euro ausweiten.

Wenn am Mittwoch die konkreten Verhandlungen über Umfang und Bedingungen der öffentlichen Hilfen für Griechenland beginnen, kommt nach Ansicht von Fachleuten auch die Frage auf, ob die Anleihegläubiger an der Rettung beteiligt werden müssen. Immer lauter fragen Marktakteure und Finanzexperten, wie der öffentliche Sektor in den kommenden Jahren eine Staatspleite des Euro-Landes bewerkstelligen will, ohne dass Anleihegläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, also so genannte „hair cuts“ akzeptieren.

Der Leiters des Centre for Financial Studies, Daniel Gros, liefert vernichtende Daten. Gros rechnet vor, dass Griechenland die erforderlichen Sparziele über die kommenden Jahre gar nicht erreichen kann. Er erkennt auch keine Anzeichen, dass die griechische Regierung bereit oder überhaupt politisch in der Lage ist, die zugesicherten Kürzungen bei den Staatsausgaben durchzusetzen. Gros befürchtet eine weitere Eskalation der griechischen Haushalts- und Verschuldungskrise – mit einer sich verschärfenden Vertrauenskrise an den Märkten.

Immer mehr Experten sehen den Ausweg nur noch in einer rechtzeitigen Anleiherestrukturierung. Nur so lasse sich eine wesentlich kostspieligere Insolvenz abwenden.

Wolfgang Gerke, Wirtschaftsprofessor und Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, sieht schwarz. Die rund 300 Mrd. Euro Schulden und anhaltenden Haushaltsprobleme Griechenlands erforderten in den nächsten drei Jahren nicht die Refinanzierung von etwa 45 Mrd. Euro, „wie man uns mit geschickter Verschleierungspolitik vermittelt“, erklärt er dem Handelsblatt. In Wahrheit seien es über 100 Mrd. Euro – die größte Budgethilfe, die je ein Land von ausländischen Gebern erhalten hat.

„Politik der Subventionsverschleierung“

Gerke kritisiert, dass die Finanzierungszusagen an Griechenland eine umfangreiche Subventionierung darstellen, wie sie der Vertrag von Maastricht explizit ausschließt.

Im Vertrauen auf die faktische Solidarhaftung für Griechenland und seine Gläubiger habe sich die Finanzwirtschaft gezielt mit hoch verzinslichen Griechenland-Anleihen vollgepumpt – und daran kräftig verdient, kritisiert der Wirtschaftsprofessor: „Mit der vereinbarten Stützung Griechenlands werden die Gewinne endgültig privatisiert und die von der Finanzwirtschaft eigentlich zu tragenden Verluste sozialisiert.“

Statt „diese Politik der Subventionsverschleierung“ fortzuführen fordert Gerke eine Gläubigerversammlung für Griechenland, die einen Sanierungsplan erstellt. Staatliche Gelder dürften darin nur eingebracht werden, sofern die Griechenland-Gläubiger zu einem Forderungsverzicht beitrügen. Zudem müsse Griechenland einem Austrittsvertrag aus dem Euro-Raum zustimmen, der in Kraft trete, wenn es auch künftig gegen die Maastricht-Kriterien verstoße.

Auch nach Ansicht von Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin werden die bislang beschlossenen Maßnahmen Griechenlands Überschuldung nicht beseitigen. Die Zahlungsunfähigkeit Athens werde immer wahrscheinlicher und eine Beteiligung der Gläubiger unverzichtbar. Ein Forderungsabschlag von 25 bis 30 Prozent würde die Verschuldung Griechenlands auf ein handhabbares Niveau zurückführen, glaubt Dieter. „Es ist eine Illusion, die vollständige Rückzahlung der gesamten griechischen Startschulden zu erwarten“, warnt der Berliner Ökonom. „Eine baldige Umschuldung wäre besser als ein anhaltender Kampf des Landes mit der Zahlungsunfähigkeit.“

Politik steckt in einem Dilemma

Für Jan Pieter Krahnen, Direktor des Centers for Financial Studies, gibt es keinen Grund, Griechenland anders zu beurteilen, als eine globale Bank. „Hier wie dort werden zukünftige Krisen nur dann unwahrscheinlich werden, wenn es auch für die Gläubiger eine klare Zuordnung von Gewinnen und Verlusten gibt – und ein Bail-out nicht Bestandteil dieses Szenarios ist“, sagt Krahnen.

Die Londoner Ökonomen der Deutschen Bank warnen vor einem Dilemma. „Da die Finanzhilfen unter bestimmten Auflagen gewährt werden, muss die Unterstützung enden, sobald die Auflagen nicht eingehalten werden“, schreiben sie. Gleichzeitig hätten aber führende EU-Politiker erklärt, dass kein Mitglied der Währungsunion (EWU) zahlungsunfähig werden dürfe. Dieses Dilemma könne nur überwunden werden, „wenn in letzter Instanz ein Mechanismus zur geordneten Insolvenz eines EWU-Mitgliedslandes entwickelt wird“, also auch die Anleihebesitzer mit zur Kasse gebeten werden.

Um eine Staatspleite in der Dimension von Argentinien zu verhindern, wären Abschläge von 50 Prozent möglich, schreibt die Bank. Die privaten Anleihegläubiger stünden auch schon schlechter da, wenn die öffentlichen Gläubiger für ihre Kredite einen Vorrang durchsetzten.

Hohe Renditen

Zusagen

Die Ankündigungen der EU-Finanzminister vor gut einer Woche, Griechenland im Zweifelsfall mit Milliardenkrediten unter die Arme zu greifen, haben die Refinanzierung der Hellenen an den Anleihemärkten nur kurz verbilligt. Die Rendite zehnjähriger Anleihen ist inzwischen schon wieder so hoch wie Ende 1998.

Misstrauen

Investoren sind unsicher, ob und zu welchen Bedingungen die Hilfen fließen, und zweifeln an der langfristigen Tragfähigkeit der griechischen Sparpläne.


Griechenland: Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen…

… Das ist das Rezept für ein Schneeballsystem. Ein erfrischend offener Artikel zur Situation in Griechenland, zu den “Halbwertszeiten” von Politikeraussagen und warum das Rettungspaket – wenn überhaupt – nur reine Zeitschinderei ist. (Dumm nur, dass alle anderen Länder ebenfalls ein solches Schneeballlsystem betreiben – aber das steht natürlich nicht in dem Artikel… ;-)  ). Ausserdem interessant: Angie war in der Nacht zu Samstag in Portugal!

Gefunden bei faz.net (Hervorhebungen von mir hinzugefügt):

Schuldenkrise

Die griechische Tragödie ist noch nicht zu Ende

Von Patrick Bernau und Winand von Petersdorff

18. April 2010

Selbst in Berlin verraucht allmählich der letzte Zweckoptimismus. Griechenland wird sich aus dem 45-Milliarden-Euro-Notpaket bedienen, das die Euroländer und der Internationale Währungsfonds gepackt haben. Einzelheiten sind schon klar: Die staatliche KfW-Bank wird den deutschen Anteil beisteuern: einen 8,4-Milliarden-Euro-Kredit, für den die Bundesregierung bürgt. Pro Kopf sind das rund 100 Euro.

“Es fließen keine Haushaltsmittel”, beeilt sich Finanzminister Wolfgang Schäuble den widerwilligen Bürgern zu erklären. Der Bund verdiene an dem Geschäft sogar die Bürgschaftsgebühr.

Grafik: Fälligkeit griechischer Schulden

Fälligkeit griechischer Schulden (Klicken für größere Darstellung)

Der Bund liefert mit jeder Eskalationsstufe der Griechenland-Krise eine neue Darstellung seiner Rolle als Helfer. Erst sollte es gar kein Geld geben. Dann hieß es: Wir stellen Geld bereit, damit es nicht in Anspruch genommen wird, sondern die Kapitalmärkte beruhigt. Das aktuelle Motto lautet nun: Wir stellen – als Ultima Ratio – Geld bereit, aber es kostet die Bürger nichts. Doch selbst diesem Satz könnte eine kurze Geltungsdauer beschieden sein.

Fundamentaldaten rechtfertigen Misstrauen

Der Wahrheit am nächsten kommt der Satz: Wir stellen Geld bereit und wissen nicht, ob es reicht. Und ob wir etwas davon wiedersehen.

Die Kapitalmärkte misstrauen der Wirkung des Notprogramms zumindest. Die Spreads der Griechenland-Anleihen sind seit der Verkündung des Notpakets am vergangenen Wochenende weiter gestiegen. Die Bundesregierung habe sich auf ein riskantes Geschäft eingelassen, vermutet der Berliner Finanzwissenschaftler Charles Blankart: “Zusammen mit den anderen EU-Staaten stemmt sie sich gegen die Marktkräfte.” Das geht regelmäßig in die Hose.

Der Schweizer Ökonom erinnert an das Jahr 1992, als die britische Regierung versuchte, den Wechselkurs des Pfund Sterling gegen die Marktkräfte zu verteidigen. “Die Rechnung ging nicht auf. Gewinner war George Soros, der gegen das Pfund und die Politik der britischen Regierung spekulierte; denn seiner Ansicht nach rechtfertigten die Fundamentaldaten den hohen Pfundkurs nicht. Soros behielt recht und wurde durch seine Gegenspekulation über Nacht zu einem Milliardär.”

Die griechischen Fundamentaldaten rechtfertigen das Misstrauen der sogenannten Spekulanten: Mit dem Rettungspaket ist die griechische Tragödie noch nicht zu Ende. Zunächst einmal ersetzt Griechenland mit den Mitteln von EU und IWF nur Anleihen, die Griechenland sonst zu höheren Zinsen hätte am Kapitalmarkt aufnehmen müssen. Es geht um einen längst im Athener Staatshaushalt verbratenen Finanzbedarf, der gar nichts an den schlechten Wirtschaftsdaten des Landes ändert.

Eine wichtige Frage formuliert Philip Gisdakis, Chef-Kreditanalyst der Bank Unicredit: “Wie wird die Zeit genutzt, bis die nächsten großen Rückzahlungen fällig sind – also bis in einem Jahr?”

Vor allem der IWF, dessen Budgetexperten am Montag nach Athen kommen, wird ein straffes Ausgabensenkungsprogramm installieren und helfen, das Steuersystem zu modernisieren. Das klingt schon mal ganz gut. Doch selbst wenn die Maßnahmen ebenso greifen wie die eigenen Sparprogramme der Regierung, hilft es kaum gegen die zunehmend erdrückende Schuldenlast.

15 Prozent der Staatseinnahmen gehen für Zinsen drauf

Die Annahmen der griechischen Regierung, auf denen die Haushaltsplanung beruht, sind viel zu optimistisch. So unterstellt Athen für seine mit der EU abgestimmten Budgets von 2011 an ein Wachstum von 3,5 Prozent und mehr. Woher das kommen soll, bleibt unklar, wenn gleichzeitig der Staat sich keine Straßen bauen kann und Beamtengehälter kürzen muss. Das Land rechnet sich immer noch schön.

Die Herausforderung ist allerdings auch beängstigend: Griechenland will mittelfristig nicht nur das Defizit herunterbringen von 13 Prozent auf die Euro-kompatiblen 3 Prozent vom Bruttosozialprodukt. Das Land muss zudem mit steigenden Zinslasten zu überleben trachten.

Im Moment gehen 15 Prozent der Staatseinnahmen für Zinsen drauf. Bis 2013 verschlingen die Zinsen ein Viertel der Einnahmen, erwartet die Ratingagentur Moody’s trotz der Sparbemühungen. Das ist eigentlich trivial: Ein Defizit bedeutet nun einmal, dass der Schuldenberg wächst und mit ihm die Zinsbelastung.

Der Schweizer Ökonom Blankart bringt es auf den Punkt: “Das Beängstigende ist, dass Griechenland die Euro-Hilfe vor allem braucht, um die Zinsen auf seine schon bestehende Schuld zu begleichen.” Schulden machen, um Zinsen zu bezahlen: Das ist das Rezept für ein Schneeballsystem.

Forderungen nach Schuldenkonferenzen

Analysten des renommierten Magazins “Economist” erwarten deshalb, dass die Griechen mindestens 67 Milliarden Euro von Euroländern und dem Währungsfonds benötigen statt 45 Milliarden. Das ist eine gewaltige Summe für ein ziemlich kleines Land.

Und dann? Dann ist immer noch nicht klar, ob der kritische Patient überlebt. Erste Forderungen nach Schuldenkonferenzen werden verbreitet. Die Gläubiger, zu denen neben der Bundesrepublik auch die deutschen Banken und Versicherungen zählen, müssten einem “Haircut” zustimmen: einer Kürzung der Anleihensumme. Der letzte berühmte Fall war Argentinien, das für zehn geliehene Dollar den Anleihegläubigern drei zurückgab. Das könnte der nach der Finanzkrise noch höchst fragilen europäischen Bankenwelt einmal einen schweren Schlag versetzen. Allein die deutschen Institute sind mit 30 Milliarden Euro in Griechen-Bonds engagiert, dazu kommen noch Wetten auf den Kreditausfall Griechenlands in unbekannter Höhe.

Griechenland sei ein Sonderfall, verbreitet Berlin. Und an dieser Stelle ist die Politik einig mit den Kapitalmärkten. Die Spreads anderer PIIGS-Anleihen zu den deutschen Bundesanleihen sind nicht gestiegen.

Der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg glaubt nicht, dass das so bleibt. Vor allem die kleinen Länder könnten schnell zu neuen Bailout-Kandidaten werden. Erste ängstliche Blicke gehen nach Westen an die europäische Atlantikküste, wo die fröhlichen Portugiesen hohe Schulden mit geringem Wachstum vereinen. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Nacht zum Samstag in Lissabon verbracht, nach ihrer Rückkehr aus Kalifornien. Sie wird doch wohl nichts versprochen haben?

Text: F.A.S.

Bildmaterial: AFP, F.A.Z.


Fallbeispiel Argentinien: Wenn der Staat pleite geht

Lesenswerter Bericht zum Staatsbankrott von Argentinien 2001/2002! Gefunden bei focus.de:

28.03.2010, 14:42

Fallbeispiel Argentinien - Wenn der Staat pleite geht

Die Staatspleite von Griechenland ist vorerst abgewendet. Was passiert, wenn der Geldautomat keinen Schein mehr ausspuckt und der Lohn in Fantasiewährungen gezahlt wird? Argentinien hat den Finanz-GAU erlebt.

Von FOCUS-Korrespondent Andreas Fink, Buenos Aires

Die Menschen an Amerikas Südspitze erinnern sich noch gut an jenen turbulenten Jahreswechsel 2001/2002, als die Regierung erst die Konten der Bürger blockierte und schließlich verkünden musste, dass das Land seine immensen Auslandsschulden nicht mehr werde bedienen können. Als die Republik fünf Präsidenten in zehn Tagen hatte. Als die Währung über Nacht abgewertet wurde und als Dollarguthaben nur noch Pesos wert waren.

Es war der bislang größte Default eines souveränen Staates, Anleihen im Wert von über 100 Milliarden Dollar wurden nicht mehr bedient, ein erheblicher Teil davon kam von Privatgläubigern aus dem Ausland. Auch deutsche Bankberater empfahlen ihren Kunden die hochverzinsten Papiere, mit dem beruhigenden Hinweis: „Ein Staat, der kann doch gar nicht Pleite gehen.“

Ökonomen lagen falsch

Argentinien musste Pleite gehen, nachdem der Internationale Währungsfonds keine neuen Kredite mehr bewilligen wollte. Ende 2001 wurde das Land zum Laboratorium des internationalen Finanzsystems. Und es wurde zum Symbol für das Scheitern des Versuches, eine chaotische Wirtschaft mit einer harten Währung zu domestizieren, den auch Griechen, Spanier und Italiener wagten, mit den heute zu Tage tretenden Folgen.

Lange, zu lange hatten sich die Regierungen von Carlos Menem und Fernando de la Rúa an die 1991 eingeführte feste Bindung des Peso an den Dollar geklammert – und hatten dafür regelmäßig Lob vom internationalen Währungsfonds und vielen Top-Ökonomen jener Jahre geerntet. Die simple Formel „Ein Peso, ein Dollar“ bremste zunächst die in Argentinien längst endemische Inflation – und dann die ganze Industrie. Heimische Hersteller konnten mit besseren und billigeren Importprodukten nicht konkurrieren und mussten aufgeben. Zum Exportieren war „Industria Argentina“ zu teuer. Das Land, das 300 Millionen Menschen ernähren könnte, führte schließlich kaum noch Getreide aus. Der Dollar war für Argentinien viel zu stark. Wie der Euro für Griechenland, Spanien und Italien.

Restaurants in Brand

Am Neujahrstage 2002 übernahm Peronistenboss Eduardo Duhalde einen Staat in Auflösung. Auf den Straßen demonstrierten Arme und Arbeitslose, Aktionäre und Anleger. Die Mittellosen wollten die Supermärkte ausräumen und der Mittelstand die Sparkonten. „Que se vayan todos!“, schrie das Volk Politikern und Funktionären entgegen: „Sie sollen alle abhauen!“ Dazu schepperten Töpfe, Backbleche, ganze Schiffsglocken durch drückende Sommernächte. Militante Arbeitslose steckten McDonalds-Restaurants in Brand und Lokale der spanischen Telefonica, die den Argentiniern jahrelang die höchsten Telefongebühren der Welt abgeknöpft hatte.

Im Hafen von Buenos Aires ankerten Schiffe mit Waren im Wert von über fünf Millionen Dollar, die wegen des Währungswirbels nicht gelöscht wurden. Die meisten Kapitäne mussten voll zurückfahren, weil niemand die bestellte Ladung bezahlen konnte. Millionen Menschen verloren ihre Arbeit, die Arbeitslosenziffer stieg auf 24 Prozent, 57 Prozent der Bevölkerung des ehedem weitetest entwickelten Landes des Kontinents lebten 2002 unter der Armutsgrenze. Silberland war abgebrannt.

Im aktuellen FOCUS lesen Sie ab Seite 146, wie sich Argentiniens Bürger in diesem Chaos zurechtfanden und wie das Land wieder auf die Füße kam.