Deutschland: Haben Lebensversicherer 6% ihrer Anlagen in PIGS-Anleihen?

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05.05.2010

Schuldenkrise

Versicherer sitzen auf Griechen-Bonds

Von Lutz Reiche

Lebensversicherer sind stark in Staatsanleihen investiert, auch in die der Krisenstaaten. Als die Ratingagenturen den Daumen über Griechenland und Co. senkten, standen sie sogar auf der Käuferseite, sagt Société-Général-Experte Carsten Zielke im Gespräch mit manager magazin. Jetzt habe die Branche ein Problem.

mm: Herr Zielke, die deutschen Lebensversicherer legen das Geld ihrer Kunden am Kapitalmarkt überwiegend konservativ an. Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Staatsanleihen im Portofolio der Branche?

Zielke: Staats- und Länderanleihen dürften immer noch rund 30 Prozent des Anlagekapitals ausmachen.

mm: Anleihen vieler vor allem südeuropäischer Staaten waren in jüngster Vergangenheit stark unter Druck geraten. Wie hoch ist die Branche in Staatsbonds von Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien investiert?

Zielke: Wir gehen davon aus, dass die Lebensversicherer mindestens 6 Prozent ihres Anlagekapitals in Anleihen dieser Staaten investiert haben. Bei griechischen Staatsanleihen dürfte das Engagement im Branchenschnitt zwischen 0,5 bis 1 Prozent liegen. Einzelne Unternehmen sollen sogar mit bis zu 2 Prozent ihres Anlagekapitals in griechischen Staatsanleihen investiert sein.

mm: Ratingagenturen stuften die Anleihen der betroffenen Staaten zuletzt empfindlich ab, griechische Staatsbonds sogar auf Ramschniveau. Was bedeutet das für die Bilanzen der Lebensversicherer?

Zielke: Die Euro-Länder haben gezeigt, dass sie bereit sind, füreinander einzustehen. Durch den Mechanismus des gegenseitigen Einstehens sollten wir das Ausfallrisiko von europäischen Staatsanleihen daher auch eher als gering einschätzen. Gleichwohl sehen wir Auswirkungen auf die Bewertungen dieser Geldanlage. Für die Lebensversicherer bedeutet dies, dass sie auf ihr Bond-Portfolio stille Lasten bilden, weil die Zinsdifferenzen entsprechend steigen. Von daher machen sich diese Investments natürlich in den Bilanzen der Lebensversicherer bemerkbar.

mm: Für die Versicherer geht von diesen Staatsanleihen keine Gefahr aus?

Zielke: Nein, ein existentielles Problem geht von ihnen im Portfolio der Lebensversicherer nicht aus. Wie gesagt, sehe ich damit vielmehr ein Bewertungsproblem für die Branche verknüpft.

mm: Sollten die Lebensversicherer ihre Anlagestrategie überdenken?

Zielke: Ich denke, nach der Eskalation um griechische Staatsanleihen werden die Lebensversicherer mit Investments in Staatsanleihen dieser Staaten jetzt vorsichtiger sein, auch wenn sie deutlich höhere Zinsen abwerfen. Angesichts eines durchschnittlich garantierten Zinssatzes von rund 3,4 Prozent gegenüber ihren Kunden und anhaltender Niedrigzinsphase werden die Unternehmen aber neu überlegen müssen, wie sie dieses Geld am Kapitalmarkt verdienen wollen. Meine Hoffnung ist, dass die Branche ihre Aversion gegenüber Aktien ablegt.

mm: Sie monierten zuletzt das hohe Engagement der Branche in Bankentitel jeglicher Art. Muss die Sorge heute nicht vielmehr dem Engagement der Lebensversicherer in Staatsanleihen gelten?

Zielke: Rund 60 Prozent der Kapitalanlagen der Lebensversicherer sind direkt oder indirekt mit Bankrisiken behaftet. Ich halte den hohen Konzentrationsgrad der Branche in Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen deutscher Banken nach wie vor für problematisch. Staatsanleihen müssen die Versicherer nicht zwingend abschreiben. Wird hingegen die Bonität einer Bank drastisch abgestuft, hat man als Investor da schon eher Probleme. In dieser Hinsicht stellen Staatsanleihen immer noch das risikoärmere Investment dar.

mm: Als die Renditen für griechische Bonds prozentual zweistellig emporschossen, waren da deutsche Lebensversicherer auf der Käuferseite?

Zielke: Wer an die Rettung Griechenlands glaubte, hatte als Investor bei griechischen Staatsanleihen zugegriffen. Zum Zeitpunkt hoher einstelliger Renditen dürfte auch so mancher Lebensversicherer diese Papiere gekauft haben, darüber hinaus aber eher nicht. Die Solvenzregeln lassen der Branche hier indes auch viel Freiraum. Das heißt, ein Lebensversicherer muss griechische Staatsanleihen nicht mit mehr Eigenkapital unterlegen als deutsche Staatsbonds. Das System steigert meiner Meinung nach die Neigung eines Lebensversicherers, größere Länderrisiken in die Bücher zu nehmen.

mm: Die Käufer haben also nicht gezockt?

Zielke: Nein, ich würde vielmehr von Spielerei oder einer Wette auf die Stabilität des Euro-Systems sprechen. Wie gesagt lassen die Solvenzregeln der Branche viel Spielraum. Wenn dann auch noch die EZB Griechenland-Bonds als Sicherheit für Kredite akzeptiert, muss sich das Risiko aus Investorensicht ja niedriger darstellen als zum Beispiel bei einem einzelnen Aktieninvestment.

mm: Hat das Renommee der Staatsanleihe als vergleichsweise sicheres Investment durch die Griechenlandkrise gelitten?

Zielke: Ihr Ruf ist zumindest lädiert, zumal griechische Staatsanleihen eine enorme Volatilität an den Tag gelegt haben, wie wir sie in Europa noch nicht gesehen haben. Europäische Staatsanleihen sind aus meiner Sicht nach wie vor ein sicheres aber nicht gerade stabiles Investment.

mm: Sollten deutsche Lebensversicherer weiter in südeuropäische Staatsanleihen investieren?

Zielke: Wer an das Euro-System glaubt – und ich gehöre dazu -, sollte weiterhin in europäische Staatsanleihen investieren. Vor dem Hintergrund der jüngsten Krise halte ich es aber für sehr wichtig, intensiver über die Diversifikation des Gesamtportofolios nachzudenken. Lebensversicherer sollten sich stärker gegen Inflationsrisiken absichern. Dazu gehören verstärkt andere Geldanlageformen wie Aktien und Immobilien und nicht vornehmlich festverzinsliche Wertpapiere, in die die Branche zu 85 Prozent investiert ist.


Deutschland: Tricks bei Renditen von Lebensversicherungen…


Auszug aus nachfolgendem Text:

Manche Versicherer, so heißt es, könnten sich auch verstärkt zu riskanteren Geldanlagen gezwungen sehen, um die Renditen noch erzielen zu können.

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Lebensversicherung

Am Leben

Die Mehrheit der Lebensversicherer verspricht für 2009 stabile Renditen. Experten zweifeln an der Nachhaltigkeit der Zusagen.

93 Millionen Lebensversicherungsverträge – derzeit 686 Milliarden Euro schwer – liegen in den Schubladen der Deutschen. Trotz Niedrigzinsen, Börsenkrach und Bankpleiten versprechen die rund 100 deutschen Lebensversicherer ihren Kunden auch für 2009 eine stabile Rendite von im Schnitt 4,28 Prozent. Die Mehrheit der Assekuranzen hat ihre Renditen für 2009 damit nicht gekürzt, die Kunden erhalten zusätzlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Mindestverzinsung von 2,25 Prozent eine Überschussbeteiligung von gut zwei Prozentpunkten. Die Allianz Leben, vor der Aachen Münchener, der R + V Leben, der Zürich Deutscher Herold und der Debeka Marktführer in Deutschland, winkt sogar mit einer Verzinsung von 5,1 Prozent für 2009.

Wer einen Blick auf die Kapitalmärkte wirft, fragt sich unweigerlich, wie solche Sätze möglich sind. Festverzinsliche Wertpapiere werfen aktuell im Schnitt – über alle Laufzeiten und Schuldner hinweg – nicht mehr als 3,2 Prozent Zinsen ab. Bundeswertpapiere verzinsen sich nur mit im Schnitt drei Prozent. Seit zwölf bis 14 Jahren sinken die Zinsniveaus, die für mindestens zwei Drittel der angelegten Versicherungsbeiträge entscheidend sind, beharrlich. Der Dax notiert gleichzeitig im Zehnjahresvergleich nur etwa sieben Prozent im Plus. Auch der Immobilienmarkt schwächelt.

Doch die Branche kämpft nicht nur bei der Geldanlage, sondern auch im Neukundengeschäft. Zwar wurden 2008 insgesamt 6,7 Millionen neue Policen abgeschlossen, doch waren dies zwölf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Gleichzeitig hat im vergangenen Jahr mehr als jeder 20. Versicherte seinen Lebensversicherungsvertrag gekündigt oder beitragsfrei gestellt. Nach Erkenntnissen der Ratingagentur Fitch lagen die Bruttobeiträge 2008 auch nur noch sechs Prozent über den Auszahlungen. Zehn Jahre zuvor waren es noch 30 Prozent. Setzt sich diese Entwicklung fort, so hätten Versicherer irgendwann Probleme, jedem Versicherten selbst die gesetzliche Garantieverzinsung zu zahlen. Sie liegt wegen älterer Verträge mit höheren Mindestzinsen im Schnitt pro Kunde derzeit sogar bei 3,4 Prozent pro Jahr.

ANBIETER REDUZIEREN PUFFER

Aktuell zehren die Lebensversicherer noch von höheren Zinsen früherer Jahre, so der Tenor der Assekuranzen. „Wir legen sehr langfristig an, profitieren daher auch noch von höheren Zinsniveaus“, erklärt Udo Rössler, Sprecher für die Allianz Leben, die 130 Milliarden Euro Kundengelder angelegt hat. Sieben bis acht Jahre blieben die Papiere im Schnitt im Portfolio. Aber: 100 Millionen Euro muss die Allianz jeden Tag neu anlegen, zu den derzeit historisch niedrigen Kapitalmarktzinsen. Fast alle Versicherer gehen deshalb an ihre Reserven.

„Die Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen sind insgesamt arg zerzaust“, bestätigt Versicherungsexperte Manfred Poweleit vom Branchendienst Map. Die Allianz etwa habe die Rücklagen 2008 nur noch mit 900 Millionen Euro gespeist, nach 2,6 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Nach Erkenntnissen der Ratingagentur Assekurata haben einige Versicherer ihre Puffer für schlechte Zeiten, aus denen sich die Zahlungen von Überschüssen jenseits der gesetzlichen Garantieleistungen speisen, gar schon weitgehend aufgebraucht.

Blieben die Zinsen niedrig, so könnten sich die Probleme für die Branche verschärfen, prognostiziert Poweleit: „Ich sehe die nächsten fünf bis sechs Jahre für den Lebensversicherungsmarkt mit deutlich mehr Unbehagen als das Krisenjahr 2008“, so der Fachmann. Manche Versicherer, so heißt es, könnten sich auch verstärkt zu riskanteren Geldanlagen gezwungen sehen, um die Renditen noch erzielen zu können.

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) indes wiegelt ab: Es sei völlig normal, dass die Rückstellungen in schwierigen Zeiten abgebaut würden, so GDV-Sprecher Holger Schmitt-Tanou. Umgekehrt legten die Assekuranzen ja auch in guten Jahren finanzielle Polster an. Dies gewährleiste, dass „sich der Kunde auf stabile Renditen über viele Jahre verlassen kann“.

In der Tat zeigen die sogenannten Solvabilitätsquoten des Branchendienstes Map, dass zwar Sicherheitsmittel verbrannt worden sind, sich die Zahlen aber noch weit jenseits riskanter Niveaus bewegen. Die Quote setzt die eingegangenen Risiken ins Verhältnis zu den vorhandenen Eigenmittel. Beim Marktführer Allianz Leben ist sie zwar von 270 auf 233 geschrumpft. Damit lägen die finanziellen Polster jedoch noch fast zweieinhalb Mal höher als von der Finanzaufsicht gefordert, sagt Poweleit. Im Branchendurchschnitt liege die Quote bei gut 170.

Allerdings bilden die Bilanzen nicht alle Risiken korrekt ab: Denn neuerdings erlaubt die Finanzaufsicht Bafin den Versicherern, langfristig gehaltene Wertpapiere auch dann mit dem Kaufpreis in die Bilanz zu übernehmen, wenn das Portfolio nicht mehr als 20 Prozent im Minus ist. Zwei Drittel aller Versicherer vermieden damit Abschreibungen, heißt es bei Fitch.

TRICKS BEIM RECHNEN

Kritiker geben zudem zu bedenken, dass die Renditeversprechen jenseits der Garantieverzinsung teilweise mit Rechentricks versehen sind. So sei etwa bei der 5,1-prozentigen Verzinsung der Allianz Leben für 2009 auch ein sogenannter Schlussüberschuss von 0,6 Prozentpunkten eingerechnet, der erst am Ende des Vertrags gezahlt und auch problemlos wieder gestrichen werden könne. Auch andere Anbieter arbeiten verstärkt mit Schlussüberschüssen. Zudem bezieht sich die Verzinsung nicht auf die komplette Prämie, sondern nur auf jenen Sparerbeitrag, der nach Abzug aller Kosten für Verwaltung, Vermittler und Todesfallschutz übrig bleibt. Nach Fitch-Berechnungen blieben aus Kundensicht dadurch von den 2,25 Prozent Garantieverzinsung am Laufzeitende im Schnitt nur 1,38 Prozent übrig.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 24.09.2009)