Europa: „Die EZB droht zur Bad Bank zu werden“

Interessantes Interview mit dem Chefsvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer. Gefunden bei faz.net:

Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer

„Die EZB droht zur Bad Bank zu werden“

Die Europäische Zentralbank (EZB) stützt den Markt durch Geldschöpfung. Damit verliert sie an Vertrauen, sagt der Ökonom Thomas Mayer. Der von ihm vorgeschlagene Europäischen Währungsfonds sei das richtige Instrument.

18. Mai 2010

Herr Mayer, die Euro-Staaten stellen riesige Summen bereit, um die Schuldenländer und die Märkte zu stabilisieren. Die EZB gibt wichtige Grundsätze auf und kauft Staatsanleihen. Und doch fällt der Euro weiter. Droht die große Rettung zu misslingen?

Ich hoffe nicht. Aber der ganzen Rettung fehlt ein wichtiger Mechanismus, der eine Staatspleite so gestaltet, dass sie nicht das ganze Finanzsystem gefährdet. Gerade jetzt fürchten die Anleger auf den Märkten, dass sich die EZB mit dem Kauf von Anleihen überschuldeter Ländern übernimmt.

Agiert die EZB wie eine Bad Bank, die kauft, was sonst keiner will?

Genau das ist das Problem. Sie droht, zur Bad Bank zu werden, wenn die Aktion nicht bald begrenzt wird. Der Markt fürchtet, dass die EZB als Auffangbecken benutzt wird und sich ihre Bilanz dadurch verschlechtert. Denn manche Staaten, deren Anleihen die Zentralbank jetzt kauft, könnten trotz aller Stützung in die Pleite gehen. Der dann drohende Forderungsverlust würde bei den Notenbanken des Euro-Systems zu Abschreibungen führen. Dann müssten die Regierungen entweder Kapital nachschießen und die Verluste ausgleichen. Oder wenn die Regierungen das ablehnen, was ja auch möglich ist, hätten wir einen Geldüberhang, der zu Inflation führen würde. Diese Furcht treibt die Marktdynamik.

Zweifeln Sie am Erfolg des Rettungsprogramms?

Ich wünsche den Erfolg, aber Zweifel sind berechtigt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Griechen ihre Sparpläne wirklich umsetzen werden, ist für das Jahr 2012 ein Schuldenstand zu erwarten, der 150 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes entspricht. Das würde auf Jahre hinaus in dieser Größenordnung bleiben und wäre extrem belastend für Griechenland. Bei einem durchschnittlichen Zins von 5 Prozent brauchte es allein 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung für den Zins.

Ist das Unterfangen aussichtslos?

Nein, es gibt das Beispiel der Letten, die solch harte Einschnitte umgesetzt haben. Aber Zweifel bleiben eben.

Woher kommt also die Ablehnung der Märkte?

Bis vor kurzem gab es in den Rettungsprogrammen keine Antwort auf die Frage: Was geschieht, wenn es schiefgeht? Mit der neuesten Variante der ganz großen Rettung gibt es eine Antwort: Die EZB zahlt die Rechnung. Dann tritt sie als Lender of last Resort auf. Es besteht die Gefahr, dass die EZB aus diesem Sog nicht mehr herauskommt. Je mehr Anleihen sie kauft, desto schwieriger wird es, eines Tages die weitere Finanzierung zu versagen. So lange es keine tragfähigere Lösung für den Fall einer erforderlichen Umschuldung eines Euro-Staates gibt, werden die Zweifel auf den Märkten bleiben.

Wie kann man die EZB denn aus dieser Falle wieder befreien?

Es braucht rasch einen Fiskalagenten, der die EZB entlastet. Ich habe diese Institution mit meinem Kollegen Daniel Gros zusammen Europäischer Währungsfonds genannt. Im Prinzip agiert die EZB mit dem Kauf der Anleihen schon ähnlich. Nur sollte der Fonds nicht über die Zentralbank, sondern von den Regierungen finanziert werden. Nach unserem Vorschlag soll der Fonds durch die Begebung von Anleihen finanziert werden. Die EZB finanziert den Markteingriff dagegen durch Geldschöpfung.

Solange die Banken sich zum Leitzins, so viel Geld leihen dürfen, wie sie wollen, entscheiden ohnehin sie und nicht die EZB über die Geldmenge.

Das ist richtig. Derzeit hat die gestiegene Geldbasis noch keine großen Auswirkungen, weil die Banken das Geld nicht zur Kreditschöpfung nutzen. Wenn Sie so wollen, strömt Gas in den Raum. Es ist bloß noch keiner da, der ein Streichholz in der Hand hält.

Die EZB hat versprochen, das zusätzliche Geld wieder einzusammeln, indem sie den Banken verzinste Titel anbietet.

Das bedeutet aber, dass die EZB eine Schuldnergruppe subventioniert, nämlich die, deren Anleihen sie kauft. Und die anderen werden durch das Einsammeln des Geldes benachteiligt. Denn die EZB muss höhere Zinsen bieten, um an das Geld zu kommen, was neue Kredite verteuert.

Wenn die Umschuldung schon so wahrscheinlich ist, warum sollte man sie dann überhaupt hinauszögern?

Sie muss nicht kommen. Die Griechen haben eine Chance, die wir ihnen auch geben sollten. Wir brauchen nur für den Fall, dass es nicht klappt, ein Sicherheitsnetz.

Zu Ihrem Vorschlag eines Euro-Währungsfonds gehört, dass dieser im Fall einer Umschuldung Anleihen zu einem Preis kauft, der die Schuldenquote des Landes wieder auf 60 Prozent der Wirtschaftsleistung bringt. Im Falle Griechenlands würde das zu einem Abschlag von 50 Cent je Euro führen. Was würde das auf den Märkten bewirken, da die EZB zu weit höheren Preisen kauft?

Unser Vorschlag war für einen langfristigen Aufbau des Fonds mit Strafzahlungen für die Schuldenländer gedacht. Die Überschuldung hätte deshalb niemals das heutige Niveau erreicht. In der derzeitigen Situation, müsste das Kaufangebot wohl höher als 50 Cent je Euro liegen, eher bei 80 oder 90 Cent.

Würde ein solcher Fonds erst im Falle einer Staatspleite das Angebot aussprechen, oder könnte er es schon vorher?

Bei versagenden Märkten wie jetzt könnte er auch schon vor einem Zahlungsausfall mit Käufen beginnen.

Haben die Märkte wirklich versagt, oder sind die Preise nur unerwünscht?

In den Tagen vor dem letzten Rettungspaket wurden die Anleihen der finanzschwachen Schuldenländer kaum noch gehandelt. Die Märkte waren allerdings nicht irrational, eher das Gegenteil. Die Sorge, dass das Geld nicht zurückbezahlt wird, ist ganz realistisch.

Hat die EZB an Reputation und Glaubwürdigkeit verloren?

Ja, aber man kann den Schaden begrenzen. Dafür muss klar sein, dass die Stützung einzigartig, zeitlich und im Volumen begrenzt ist. Deshalb muss man sehr schnell einen Ersatz bauen, einen Fonds der sich durch Anleihen und nicht durch Geldschöpfung finanziert.

Wenn die Politik das wollte, wie schnell kann ein Euro-Währungsfonds geschaffen werden?

Ich glaube, innerhalb einiger Wochen. Dafür brauchte es meiner Einschätzung nach keine Änderung der Europäischen Verträge. Es reichen Vertragszusätze.

Das Gespräch führte Stefan Ruhkamp.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: Deutsche Bank Research


Schweiz: Droht Bankrott durch Osteuropa-Kredite?

Das Thema Osteuropa war letztes Jahr schon öfter mal auf der Tagesordnung (da am Ende hauptsächlich in Verbindung mit der BayernLB), aber dann wurde es relativ ruhig um dieses Issue… Jetzt also mal wieder ein Artikel, in dem es hauptsächlich um die Exposures schweizer Banken in Osteuropa geht… Gefunden bei tagesanzeiger.ch:

«Der Schweiz droht der Bankrott»

Interview: Claudio Habicht Aktualisiert am 17.03.2009

Schweizer Banken haben Milliardenkredite nach Osteuropa vergeben – nun können die Kunden die Gelder nicht zurückzahlen. Der Schweiz drohe das Schicksal Islands, sagt Wirtschaftsexperte Artur P. Schmidt.

In Ländern wie Polen, Ungarn und Kroatien ist der Franken zur wichtigen Fremdwährung geworden. Tausende Haushalte und Kleinfirmen nahmen ihre Kredite wegen tieferen Zinsen in Franken auf, und nicht in den Landeswährungen Zloty, Forint oder Kuna. In Ungarn sind 31 Prozent aller Kredite in der Schweizer Währung ausgestellt, bei den privaten Haushaltskrediten sind es fast 60 Prozent.

Kreditnehmer in Nöten

Nun hat die Finanzkrise die Ära der günstigen Kredite beendet: Die Ostwährungen sacken ab. Ende September musste man für 100 polnische Zloty noch 46 Franken bezahlen, heute sind es 30 Franken. Das heisst: Immer mehr Kreditnehmer kriegen Probleme mit den Zinsen und bei der Abzahlung. Die Frage ist also, wie sich das auf den Schweizer Finanzplatz auswirkt. Einer, der für die Schweiz schwarzsieht, ist der Wirtschaftsexperte Artur P. Schmidt*: Er glaubt, dass die Schweizer Währung wegen der Frankenkredite in Osteuropa in Gefahr ist.

In Polen, Ungarn und Kroatien ist der Schweizer Franken zur wichtigen Fremdwährung geworden – sozusagen zum Dollar Osteuropas. Tausende Haushalte und Unternehmen haben Franken-Kredite aufgenommen. Warum?

Das rasante Wachstum in vielen Ländern Osteuropas wurde durch Kredite in Schweizer Franken angekurbelt. Schweizerische Banken und Offshore-Institute haben den dortigen Banken Franken geliehen, die diese an ihre Kunden weitergaben. Die Kredite waren attraktiv, weil die Kreditnehmer viel tiefere Zinsen zahlen mussten als bei Krediten in der jeweiligen Landeswährung.

Nun ist dieses System ins Wanken gekommen.

Ja, das System hat nur so lange funktioniert, wie die Wechselkurse zwischen Franken und diesen Währungen einigermassen stabil waren. Das ist aber zurzeit nicht mehr der Fall: So haben der ungarische Forint und der polnische Zloty in den letzten Wochen gegenüber dem Franken über ein Drittel an Wert verloren. Wegen der Abwertungen der Landeswährungen haben sich die Schulden gegenüber der Schweiz um mehr als einen Drittel gesteigert. Viele der osteuropäischen Länder haben ernste Zahlungsschwierigkeiten und stehen quasi vor dem Staatsbankrott.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Es ist anzunehmen, dass ein beträchtlicher Teil der insgesamt 200 Milliarden Dollar Osteuropa-Kredite in Schweizer Franken ausgestellt wurden. Gemäss einem Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind weltweit Frankenkredite im Gegenwert von rund 675 Milliarden Dollar im Umlauf – davon wurden etwa 150 Milliarden direkt von der Schweiz, 80 Milliarden von Grossbritannien sowie rund 430 Milliarden Dollar über Offshore-Finanzzentren vergeben. Wie viele dieser Kredite faul sind, ist nicht bekannt. Doch schon wenn die Ausfallrate 20 Prozent beträgt, würden die Banken viel Geld verlieren.

Muss nun der Bund eingreifen?

Wenn die Banken einen massiven Abschreibungsbedarf durch solche Kredite haben, muss ab einer bestimmten Grössenordnung der Staat eingreifen. Dies geschieht bereits durch die schweizerische Nationalbank: In Polen hat sie der dortigen Zentralbank mehrere Milliarden Franken zur Verfügung gestellt, damit polnische Banken die Kredite decken können. Zugleich hat die schweizerische Nationalbank bereits bei der Europäischen Zentralbank angefragt, ob ihr diese im Notfall Geld ausleihen könnte. Dies ist ein klares Warnzeichen, dass der schweizerische Franken in Bälde unter einen enormen Abwertungsdruck geraten könnte.

Waren die Schweizer Banken zu unvorsichtig bei der Kreditvergabe in Osteuropa?

Ja, in der Tat. Viele Banker wollten zu viel verdienen und haben dabei die Risiken vernachlässigt. Schuld ist auch die Nationalbank, die nicht eingegriffen hat. Zudem haben die Aufsichtsbehörde und die Politiker völlig versagt.

Was muss die Schweiz nun tun?

Nun müssen die möglichen Verluste durch diese Kredite auf den Tisch; vor allem müssen alle möglichen osteuropäischen Risiken lückenlos offengelegt werden. Zusammen mit den Kreditausfällen von UBS und Credit Suisse könnte der gesamte Abschreibungsbedarf für die Schweiz die Grössenordnung des Schweizer Bruttosozialprodukts übersteigen.

Das heisst?

Der Schweiz droht wie Island der mögliche Staatsbankrott. Eine Folge davon wäre, dass die schweizerische Währung massiv an Wert verlieren könnte, möglicherweise sogar crasht. Eine andere wäre, dass die Schweiz in ihrer Kreditfähigkeit massiv zurückgestuft würde. Das wäre ein Trauma für das Land: Die Schweiz galt immer als Hort der Stabilität. Der Franken könnte zu einer instabilen Weichwährung werden. Dann würde die Schweiz vielleicht gezwungen sein, den Franken aufzugeben und den Euro zu übernehmen.

*Artur P. Schmidt ist promovierter Wirtschaftskybernetiker und Herausgeber der Finanzportale www.wallstreetcockpit.com sowie www.bankingcockpit.com. Er hat elf Bücher verfasst, sein aktuellstes Buch «Unter Bankstern» ist im EWK-Verlag erschienen. Schmidt schreibt zudem Fachartikel und Kolumnen für die Nachrichtenportale moneycab.com und telepolis.de. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 17.03.2009, 09:59 Uhr


Europa: Es brennt scheinbar lichterloh…

Gestern vermehrten sich Gerüchte, dass die EZB wieder die Geldschleusen öffnen und den Banken kurzfristig 600 Milliarden EUR zur Verfügung stellen könnte. Im WallstreetJournal findet sich dazu ein Artikel (ohne die genaue Summe zu nennen) – aber zumindest mit einer Grafik, auf der man schön sieht, dass der Libor wieder nach oben ausschlägt. Gleichzeitig müssen die Politiker feststellen, dass die Zinsen für PIIGS Staatsanleihen keineswegs wie erhofft runtergehen (siehe rechts), sondern im Gegenteil sogar neue Höchststände markieren. Aber statt dass man eingesteht, dass die Hilfen nur ein Verschieben des unausweichlichen Bankrotts sind, sind jetzt natürlich wieder „die bösen Spekulanten“ schuld, die „einen Angriff auf die Eurozone fahren“. Diesen will man nun mit einer „Generalmobilmachung“ (O-Ton Sarkozy!) begegnen! Wie diese aussieht und was uns am morgigen Sonntag erwartet, beschreiben zwei Artikel aus der Süddeutschen Zeitung und der Financial Times Deutschland…

Wie schon im Artikel zur Ablehnung des Eilantrags auf Einstellung der Griechenland-Hilfen angedeutet, sehe auch ich den Euro von Anfang an unter den gegebenen Umständen als Fehlkonstruktion an – und jetzt wird wieder das Märchen der bösen Spekulanten aus dem Hut gezaubert, die hier angeblich einen „Angriff“ gegen die Euro-Zone fahren. Leider wird es genug Menschen geben, die diesen Schwachsinn glauben und nicht wissen, dass genau dieses nun ablaufende Szenario in der damaligen Klagen gegen die Euroeinführung beschrieben wurde… :-(

Gefunden bei sueddeutsche.de:

08.05.2010 14:17

Eilantrag abgewiesen

Karlsruhe billigt Griechenland-Hilfe

Das Verfassungsgericht hat einen Eilantrag gegen die Hilfe für Griechenland abgewiesen. Die Euro-Staaten beschlossen indes ein Notfallsystem für klamme Mitglieder.

Grünes Licht für die Griechenland-Hilfe: Das Bundesverfassungsgericht hat einen Eilantrag gegen die deutschen Finanzhilfen für das von der Pleite bedrohte Land abgelehnt. Indes beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone bei ihrem Sondergipfel zu Griechenland am Freitag einen Rettungsmechanismus zur Abwehr von Schuldenkrisen in den Mitgliedsländern.

Noch vor Öffnung der Finanzmärkte wollen die EU-Finanzminister am Sonntagabend vereinbaren, dass die Kommission künftig in Krisenfällen am Kapitalmarkt Kredite für strauchelnde Euro-Länder aufnehmen kann.

Die Teilnehmer des Sondergipfels waren sich einig, dass der Euro durch eine ernste Attacke von Spekulanten bedroht wird. Trotz des gerade beschlossenen Milliarden-Kreditpakets für das hoch verschuldete Griechenland gebe es ein hohes Maß an Spekulation, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Euro-Zone müsse sich mit einem Gemeinschaftsinstrument dagegen wehren.

Merkel beugt sich dem Druck

Zwei Tage vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, die viele Beobachter für das Zögern Deutschlands bei der Rettungsaktion für Griechenland verantwortlich machten, musste Merkel sich damit erneut dem Druck der Krise beugen. Noch vor kurzem galt ein EU-Instrument zur Finanzhilfe für Schuldensünder in der Bundesregierung als Tabu. Die Euro-Länder segneten die beispiellosen Kredithilfen für Griechenland ab, die das Mittelmeerland vor der Pleite bewahren sollen. Griechenland erhält über drei Jahre Beistandskredite von insgesamt 110 Milliarden Euro. Der Internationale Währungsfonds übernimmt davon 30 Milliarden, die Euro-Länder 80 Milliarden Euro.

Auf Deutschland als größtes Mitgliedsland der Währungsunion entfallen 22,4 Milliarden Euro. Der Bundestag und der Bundesrat hatten das dafür notwendige Gesetz in dieser Woche im Eilverfahren beschlossen. Griechenland musste sich im Gegenzug zu einem drastischen Sparprogramm verpflichten.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte am Samstag einen Eilantrag von fünf Euro-Skeptikern gegen die deutschen Finanzhilfen ab. Bei einem Stopp der deutschen Beteiligung an der Hilfe hätten der Allgemeinheit schwere Nachteile gedroht, falls sich die Unterstützung für Griechenland im Nachhinein als verfassungsgemäß erwiesen habe, begründete das Gericht die Entscheidung.

Schwere Folgen

Bei einem gerichtlichen Stopp der Finanzhilfe hätte Deutschland seine Mithilfe an den Notmaßnahmen zum Erhalt der griechischen Zahlungsfähigkeit gerade dann abbrechen müssen, wenn sie gefordert sei. Dadurch wäre die Verwirklichung des Rettungspakets insgesamt infrage gestellt gewesen, was nach Einschätzung der Bundesregierung schwerwiegende wirtschaftliche Nachteile für die Allgemeinheit gehabt hätte. Dieser Auffassung zufolge wäre dann die Stabilität der gesamten Währungsunion gefährdet.

Weniger schwer wiegen demgegenüber nach Einschätzung der Richter die Nachteile, wenn die Hilfe zunächst zugelassen wird und sich im Nachhinein als unzulässig erweisen sollte. Die Kläger hätten keine konkreten Anhaltspunkte vorgebracht, dass ihre Grundrechte gerade infolge der Kreditgewährung an Griechenland schwer und unumkehrbar beeinträchtigt werden könnten.

Merkel verteidigte die Hilfen am Samstag in Bielefeld zum Abschluss des NRW-Wahlkampfes. „Eine stabile Währung ist das A und O von Wohlstand und Sicherheit“, sagte sie. Griechenland werde unterstützt, „weil es auch Deutschland dient. Dazu sind wir verpflichtet.“

Die Finanzmärkte beruhigten sich trotz der Milliardenspritze für Griechenland am Freitag nicht, was zu hektischen Telefonkonferenzen der G7-Finanzminister sowie der Europäischen Zentralbank mit den Banken führte. Merkel hatte noch am Mittag mit US-Präsident Barack Obama über die Lage in Europa beraten und sich seiner Unterstützung versichert.

Unter den Euro-Ländern und an den Finanzmärkten wächst die Furcht, dass auch andere schwächelnde Partner-Länder wie Portugal und Spanien durch rapide steigende Zinsen auf ihre Staatsanleihen in den Schuldenstrudel geraten könnten. Weltweit brachen die Kurse an den Aktienmärkten ein, der Euro verstärkte seinen Abwärtstrend. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erklärte EU-Diplomaten zufolge den Euro-Chefs, dass die Währungsunion vor einem systemischen Problem stehe.

Die Euro-Staaten zogen jetzt die letzte Reißleine, die der EU-Vertrag im Fall von schweren Krisen vorsieht. Der Mechanismus beruhe auf Artikel 122 des Vertrages, erklärte ein EU-Diplomat. Dieser erlaubt gegenseitigen finanziellen Beistand, wenn ein Land in Schwierigkeiten steckt, die sich seiner Kontrolle entziehen. Die Kommission werde im Notfall Geld am Kapitalmarkt für Länder aufnehmen können – mit einer expliziten Garantie der Mitgliedstaaten und einer impliziten Garantie der EZB.

„Die Euro-Zone macht die schwerste Krise seit ihrer Gründung durch“, sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. „Europa ist bereit, den Euro zu verteidigen.“ Auf Fragen nach einem Dissens mit Merkel antwortete Sarkozy ausweichend, beschwor jedoch, die deutsch-französische Achse in der EU sei völlig intakt. Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker beschrieb die Lage dramatisch: „Die gesamte Euro-Zone wird bedroht, wir müssen bis Sonntagabend tätig werden.“

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat deshalb am Samstag eine Reise nach Russland abgesagt, um die Konsultationen mit führenden europäischen Politikern wegen der Eurokrise fortzusetzen. Das verlautete aus Regierungskreisen in Rom. Berlusconi sollte am Sonntag in Moskau an den Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland teilnehmen.

An den Moskau-Reiseplänen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ebenfalls zu der Siegesfeier nach Russland fahren wollte, habe sich nichts geändert, hieß es in Berlin.

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, regte indes eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild für die Euro-Zone an. Das sei ein Gedanke, den er für überlegenswert halte, sagte Voßkuhle dem Hamburger Abendblatt. Mit Blick auf bestehende Stabilitätskriterien sagte Voßkuhle: „Ihre effektive Kontrolle ist das Problem.“ Die Schuldenbremse im Grundgesetz schreibt vor, dass der Bund seine Neuverschuldung von 2011 bis 2016 auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zurückführen muss.

(sueddeutsche.de/Reuters/APN/dpa/aho/pfau)

Gefunden bei ftd.de:

Dramatischer EU-Gipfel

Europas Generalmobilmachung

Griechenland war gestern. Während eines dramatischen EU-Gipfels sehen die Regierungschefs die Eurozone als Ganzes bedroht und werfen zur Verteidigung ihrer Währung die geltenden Regeln um. Bis Sonntagabend soll der Abwehrmechanismus gegen den Euro-Angriff stehen. von Peter Ehrlich Brüssel

Der 8. Mai ist in vielen EU-Staaten Feiertag, in Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausgerechnet in der ersten Stunde dieses Tages greift Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zu Vokabeln, die einer Kriegserklärung gleichkommen. „Wir haben uns für eine absolute Generalmobilmachung entschieden“, sagt Sarkozy. Kurz zuvor haben die 16 Staats- und Regierungschefs vereinbart, mit allen verfügbaren Mitteln die Stabilität der Eurozone zu verteidigen. Der Grund: „Maßlose Spekulation“ an den Finanzmärkten, so der Präsident. Von „weltweit organisierten Attacken gegen den Euro“ spricht Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker.

Sarkozy spricht von Systemkrise

Die Lage ist offenbar viel dramatischer, als es die eher braven Erklärungen beim Eintreffen in Brüssel vermuten lassen. Die G7 haben bereits konferiert und eine schnelle und klare Antwort der Europäer verlangt. Überall stürzen die Aktienmärkte ab. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, spricht in der Runde von einer „systemischen und andauernden Krise“, Sarkozy später von systemischen Risiken. Die 80 EU-Milliarden für Griechenland werden da ohne große Diskussion abgenickt.

Binnen 48 Stunden wird Verteidigungsplan geschmiedet

Dann werfen die Staats- und Regierungschefs all die komplizierten Überlegungen über den Haufen, die in den vergangenen Wochen für die Griechenland-Hilfe angestellt wurden. Zur Verteidigung des Euro soll jetzt binnen 48 Stunden ein „Europäischer Stabilisierungsmechanismus“ geschaffen werden. Der Notfonds wird ein Gemeinschaftsinstrument, also von der EU-Kommission verwaltet. Ein Modell, das es bereits für EU-Mitglieder außerhalb der Eurozone wie Lettland gab, wird auf die Eurozone transferiert.

Um wie viel Geld es geht, woher das Geld kommen soll und welche Rechtsgrundlage es dafür gibt, dazu sagen weder Sarkozy noch Eurogruppen-Chef Juncker etwas. Und schon gar nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel, die es nicht leicht haben wird, die jetzt anstehende recht kreative Auslegung der EU-Verträge zu rechtfertigen.

Nach Angaben aus EU-Regierungskreisen wird man nämlich jetzt doch den Artikel 122 des Lissabon-Vertrages heranziehen, der Hilfen an Mitglieder der Union in „außergewöhnlichen Umständen“ ermöglicht. Gemeint sind da eigentlich Naturkatastrophen. Aber der Begriff „außergewöhnliche Umstände“ findet sich bereits in der Erklärung der Staats- und Regierungschefs, die in der Nacht zum Samstag verteilt wurde. Frühere Versuche, diesen Artikel heranzuziehen, hatte die Bundesregierung vehement bekämpft. Jetzt könnte es der EU-Kommission ermöglicht werden, mit eigenen Bonds an den Kapitalmarkt zu gehen, die von den Euro-Ländern garantiert werden.

Auch die anderen beiden Teile des Beschlusses haben es in sich. Die Eurozone „unterstützt die Aktionen der EZB zur Sicherung der Stabilität der Eurozone“. Welche Maßnahmen das sein werden, wird nicht genannt, aber an den Märkten wurde schon am Freitag spekuliert, dass die EZB doch am Sekundärmarkt Staatspapiere von Ländern wie Portugal kauft, die für ihre Refinanzierung inzwischen so viel zahlen müssen wie Griechenland vor einigen Wochen. Punkt drei könnte bald jeden Bürger betreffen. Die EU-Staaten wollen die Haushaltskonsolidierung beschleunigen. Die ganze Eurozone müsste dann zumindest ein Teil von dem durchmachen, was Griechenland gerade erlebt. „Es geht um die Stabilität des Euro“, sagt Merkel.

Gerüchte über Streit zwischen Merkel und Sarkozy

Den ganzen Abend über gibt es Gerüchte, es habe heftigen Streit zwischen Merkel und Sarkozy gegeben. Unsinn, sagt Sarkozy, an der deutsch-französischen Achse bestehe kein Zweifel. Die schwierige Detailarbeit müssen wieder einmal die Experten machen. Heute schon soll die EU-Kommission in einer Sondersitzung den Krisenmechanismus ausarbeiten, am Sonntag trifft sich dann der Finanzministerrat aller 27 EU-Staaten (Ecofin).

Gebraucht wird nämlich ein Beschluss der gesamten EU – wenn die Euro-Länder nicht mitmachen, werden sie überstimmt, wie Sarkozy andeutet. Bis zur Öffnung der Märkte soll ein System stehen, das dort ernst genommen wird und keine Fragen mehr offen lässt. Schließlich geht es um alles. „Wir werden den Euro verteidigen, was immer dafür nötig ist“, sagt Kommissionspräsident José Manuel Barroso. „Der Euro ist Europa und Europa ist der Frieden“, so die noch dramatischen Worte von Sarkozy.

08:05

© 2010 Financial Times Deutschland


Europa: Müssen PIIGS-Staaten 2.000 Mrd. EUR refinanzieren?

Gefunden bei  nzz.ch:

6. Mai 2010, 13:00, NZZ Online

«PIIGS» brauchen 2000 Milliarden Euro

Dominoeffekt hätte verheerende Folgen

In den nächsten drei Jahren müssen die Euro-Länder Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien laut Schätzungen 2000 Mrd. Euro Staatsschulden refinanzieren. Ein Dominoeffekt wäre verheerend, ein so grosses Hilfspaket kaum zu schnüren.

Von Marco Metzler

In den nächsten drei Jahren müssen die Euro-Länder Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien (jüngst auch unter dem Akronym «PIIGS» zu wenig schmeichelhafter Berühmtheit gelangt) einen riesigen Schuldenberg refinanzieren. Die Bank of America/Merrill Lynch schätzt, dass die fünf Länder in den nächsten drei Jahren insgesamt 2000 Mrd. Euro an Schulden refinanzieren müssen.

Schwergewicht Italien

Mehr als die Hälfte der in den nächsten drei Jahren zu refinanzierenden Staatsschulden der «PIIGS»-Staaten – nämlich 1065 Mrd. Euro – entfallen demnach auf Italien. Im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt weist Italien eine höhere Staatsschuld als Griechenland aus, allerdings liegt die Neuverschuldung mit rund 5 Prozent deutlich tiefer.

An zweiter Stelle folgt Spanien mit einem Refinanzierungsbedarf von 546 Mrd. Euro. Das derzeit unter grossem Druck stehende Griechenland muss 153 Mrd. Euro refinanzieren – die Zahl entspricht lediglich knapp 8 Prozent des gesamten «PIIGS»-Refinanzierungsbedarfs. Portugal braucht in den nächsten drei Jahren 88 Mrd. Euro. Irland wird 80 Mrd. Euro benötigen.

Das Rettungspaket von EU und Internationalem Währungsfonds (IMF) für Griechenland beträgt 110 Mrd. Euro, was rund 72 Prozent der in den nächsten drei Jahren zu refinanzierenden griechischen Schuld entspricht. 30 Mrd. Euro übernimmt der IMF und 22,4 Mrd. Euro Deutschland. Der Fehlbetrag von 43 Mrd. Euro wird Griechenland an den Finanzmärkten auftreiben müssen. Die Märkte hegen derzeit aber Zweifel, ob dies Griechenland gelingen wird, und verlangen hohe Renditen für das eingegangene Risiko.
Gefährliche Ansteckung

Angesichts der Zahl von insgesamt 2000 Mrd. Euro Schulden sind die Märkte aber noch stärker besorgt über eine mögliche Ansteckung weitere «PIIGS»-Länder mit dem griechischen Virus. Folgendes Zahlenspiel ist eine reine Hochrechnung auf Grund des Griechenland-Hilfspakets. Sie ist fiktiver Natur und entspricht dem unwahrscheinlichen Worst-Case-Szenario.

Nimmt man wie bei Griechenland ein Rettungspaket in der Höhe von 72 Prozent der zu refinanzierenden Gesamtschuld, ergäbe dies im absoluten schlimmsten Fall Bedarf für Hilfskredite in der Höhe von rund 1440 Mrd. Euro. Die restlichen 560 Mrd. müssten die peripheren Euro-Länder über die Finanzmärkten finanzieren.

Nimmt man den gleichen Schlüssel zwischen EU und IMF an, dann würden 393 Mrd. Euro auf den IMF entfallen. Der IMF hat derzeit eine Kriegskasse für Länder in Zahlungsschwierigkeiten von 248 Mrd. Euro zur Verfügung. In dem erwähnten Worst-Case-Szenario müsste dem Währungsfonds also von den IMF-Mitgliedern weitere 150 Mrd. Euro an Mitteln zufliessen. Die EU würde 1047 Mrd. Euro an Hilfskrediten sprechen. Deutschland müsste insgesamt 213 Mrd. Euro beisteuern. Angesichts solcher Zahlen fragt man sich, woher diese Gelder überhaupt kommen sollten und ob solch grosse Hilfspakete politisch überhaupt umsetzbar wären.
Finanzmarkt als Retter

Zu einem solchen Szenario dürfte es aber nicht kommen, da die verschuldeten Staaten derzeit sparen, um die Defizite abzubauen. Bei einer Eskalation würde die EU sicherlich auch angesichts des kaum allein durch Hilfskredite zu bewältigenden riesigen Refinanzierungsbedarfs andere Lösungen und Massnahmen suchen – sei dies durch Umschuldung, dem Ausschluss eines Landes aus der Euro-Zone oder durch den Staatsbankrott eines Euro-Landes.

Die riesigen Summen zeigen dennoch, wieso die Finanzmärkte so nervös auf eine Ansteckungsgefahr reagieren und wieso die Renditen weiter steigen. Es bleibt zu hoffen, dass das Hilfspaket im Falle Griechenlands und die Sparanstrengungen des Landes nachhaltig dazu beitragen, dass sich die Finanzmärkte wieder beruhigen. Wenn die anderen «PIIGS» den griechischen Warnruf jetzt auch ernst nehmen und ebenfalls einen harten Sparkurs verfolgen, dann dürfte eine weitere Ansteckung ausbleiben, so dass sich die «PIIGS» auch künftig weiterhin an den Finanzmärkten refinanzieren vermögen. Die Renditen dürften aber kaum mehr auf das Vorkrisenniveau zurückkehren, weil die Marktteilnehmer künftig die Augen vor den möglichen Risiken nicht mehr verschliessen werden.

Spanien placiert Staatsanleihen

(ddp) Spanien hat erfolgreich Staatsanleihen im Umfang von 2,345 Mrd. Euro am Markt placiert. Die Anleihe war nach Angaben des Finanzministeriums überzeichnet, geboten wurden 5,522 Mrd. Euro. Allerdings forderten die Anleger für die Fünf-Jahres-Anleihen eine Rendite von durchschnittlich 3,58 Prozent. Bei der letzten Emission im März musste Spanien nur einen Zinssatz von 2,84 Prozent bieten. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hatte die Kreditwürdigkeit Spaniens in der vergangenen Woche von AA+ auf AA herabgestuft.


Europa: “Trichet’s Worte sind in einer tiefen Krise nichts mehr wert”!

Überall wird gegen die Entscheidung der EZB gewettert, weil die nun auch die als “Ramsch” bewerteten griechischen Anleihen akzeptiert. Nun, meiner Meinung nach ist das konsequent, denn schließlich bekommt Griechenland ja auch die 110 Mrd. EUR Rettungsgelder – wenn die EZB die Anleihen jetzt trotz Bailout doch nicht als Sicherheiten akzeptieren würde, wäre das das falsche Signal. Allerdings: wenn ich mir heute den Verlauf der Zinsen von Portugal und Griechenland anschaue, dann sehe ich bei Griechenland neue Höchststände und auch Portugal liegt nur knapp unter den Höchstwerten => der “Markt” glaubt ohnehin nicht an eine Rettung…

Gefunden bei welt.de:

Kommentar

Unverzeihlich, wie die EZB ihre Prinzipien opfert

Von Jörg Eigendorf 3. Mai 2010, 18:14 Uhr

Es erscheint wie eine Randnotiz zum Rettungspaket: Die Europäische Zentralbank (EZB) akzeptiert ab sofort griechische Staatsanleihen als “Sicherheit”. Also jene Papiere, die von Ratingagenturen als “Ramsch” bewertet werden. Das macht auch jedem Laien klar: Es ist der größte Sündenfall dieser Notenbank.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die EU-Kommission nicht im Stande ist, den Stabilitäts- und Wachstumspakt zu kontrollieren. Wir müssen uns wohl auch damit abfinden, dass unser Bundesfinanzminister noch im Januar sagte, der Internationale Währungsfonds habe in der Euro-Zone nichts zu suchen, und seine Worte vier Monate später wieder einsammeln muss. Doch mit dem, was gestern passiert ist, sollten wir uns nicht abfinden: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat mit Blick auf Griechenland kurzerhand mitgeteilt, dass sie künftig auch Staatsanleihen als Sicherheiten akzeptiert, die von Ratingagenturen als Schrott eingestuft werden.

Was wie ein technisches Detail klingt, ist ein Sündenfall: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat der ganzen Welt klargemacht, dass seine Worte in einer tiefen Krise nichts mehr wert sind. Noch Anfang April versicherte Trichet, für kein Land bei den Sicherheiten eine Ausnahme zuzulassen. Jetzt aber gibt die Zentralbank einen Freifahrtsschein für alle Defizitsünder. Damit hat sie ihre Unschuld verloren.

Die Konsequenzen sind dramatisch. Wie will die EZB jetzt noch rechtfertigen, wenn sie im Kampf gegen die Inflation die Zinsen erhöht, gleichzeitig aber das Griechenland-Programm gefährdet? Bei der Notenbank handelt es sich um jene Institution, die über die Ersparnisse der Bevölkerung wacht, indem sie die Stabilität des Geldes garantiert. Glauben ihr die Menschen nicht mehr, werden sie aufhören, langfristig zu planen. Wenn aber der EZB-Präsident innerhalb weniger Wochen wichtige Prinzipien aufgibt, warum soll dann der Euro über Jahrzehnte hinweg noch stabil sein?

Die Antwort auf diese Fragen sind Europas Politiker und Notenbanker schuldig geblieben. Sie haben den griechischen Brand gelöscht, wohl wissend, dass das Wasser für Spanien, Portugal oder Italien nicht mehr reicht. Und sie haben in dieser Krise die Glaubwürdigkeit fast aller europäischen Institutionen von der Kommission bis zur Zentralbank geopfert. Das sind die wahren Kosten der Griechenland-Rettung.


Griechenland: EU-Finanzminister stimmen Rettungspaket zu…

Es gibt unzählige Artikel zu dem Thema – ich habe mich allerdings für den nachfolgenden Artikel aus dem Handelsblatt entschieden, denn dort flackert zumindest ab und an mal eine kritische Frage auf, z.B. ob der IWF – wie in vielen anderen Beispielen auch – durch seine Maßnahmen dem Land nicht endgültig den Garaus macht…

Gefunden bei handelsblatt.com:

02.05.2010 , aktualisiert 02.05.2010 21:51 Uhr

Bankrott abgewendet: Euro-Finanzminister stimmen Griechenland-Hilfen zu

Die Finanzminister der Euro-Zone haben am Sonntag das milliardenschwere Hilfspaket für Griechenland auf den Weg gebracht. Das Land soll 110 Milliarden Euro erhalten. 80 Milliarden Euro werden von den Staaten der Euro-Zone, der Rest vom Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgebracht. Deutschland beteiligt sich mit rund 22 Milliarden Euro.

HB ATHEN/BRÜSSEL. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hatte es ganz offensichtlich eilig, den Sack mit dem griechischen Rettungspaket zuzumachen. Kaum hatte Athen signalisiert, die Verhandlungen mit IWF, Kommission und EZB seien erfolgreich abgeschlossen, sah er „die Voraussetzungen für eine positive Antwort auf die Bitte der griechischen Regierung gegeben“. Die Sondersitzung der Finanzminister der Euro-Länder am Nachmittag wollte er gar nicht mehr abwarten, obwohl dort die endgültige Höhe der Hilfen für Griechenland festgelegt werden sollte.

Das eilige Signal der Bereitschaft zur Hilfe, das Barroso aussendete, war wohl weniger an die Euro-Länder gerichtet. Denn die Hilfen standen vorher schon relativ eindeutig fest, auch wenn in Europa bis zuletzt noch heftig die Details berechnet wurden. Für die kommenden drei Jahre stehen nun 110 Milliarden Euro zur Verfügung. Im ersten Jahr, also für die akuten Verpflichtungen Athens, bis zu 45 Milliarden: 30 Milliarden von den Euro-Partnern und bis zu 15 Milliarden vom Internationalen Währungsfonds (IWF).

Barroso hatte mit seinem Signal wohl in erster Linie die Griechen im Blick. Vor allem auf Druck Berlins hatten IWF, EU-Kommission und Europäische Zentralbank (EZB) in den letzten Tagen dafür gesorgt, dass Athen bei seinen Sparanstrengungen nochmals einen Zahn zulegt. Ministerpräsident Giorgos Papandreou konnte mit seinen wiederholten dramatischen Appellen an den Zusammenhalt und das Verständnis der Griechen für die drastischen Einschnitte nicht richtig durchdringen. Wie in den vergangenen Wochen wurden die Verhandlungen in Athen von Krawallen begleitet. Und die Gewerkschaften kündigte für die nächsten Tage weitere Streiks an.

Einsparungen im Haushalt von 30 Milliarden Euro bis 2013 sind für das kleine Griechenland in der Tat kein Pappenstiel. Und bis 2014 das Defizit von 13,6 Prozent auf die zulässige europäische Obergrenze von 3,0 Prozent herunterzufahren, ist ein nicht minder anspruchsvolles Ziel. Am ehesten wird die Entwicklung bei der Mehrwertsteuer deutlich, dieser typischen Verbrauchssteuer. Zum zweiten Mal in diesem Jahr soll sie um zwei Punkte auf dann 23 Prozent angehoben werden.

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob Bundesregierung und IWF nicht zu sehr an der Stellschraube gedreht haben und mit ihren Sparanstrengungen und sozialen Einschnitten gerade das Gegenteil von dem erreichen, was sie wollen – Griechenland wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der IWF mit seinen Auflagen über das Ziel hinausschießt – auch wenn ihm inzwischen zugestanden wird, aus früheren Fällen gelernt zu haben. Es gilt also auch, nach dem Verhandlungserfolg zwischen Athen und IWF wieder Ruhe in den Konsolidierungsprozess zu bekommen, sowohl in Griechenland selbst als auch in der Euro-Zone und an den Märkten. Die zum Teil hetzerisch geführte Debatte hat Spuren hinterlassen. Wie die „Welt am Sonntag“ berichtete, sind die Umsätze von Pauschalreisen nach Griechenland in den ersten vier Monaten des Jahres gegen den allgemeinen, leicht steigenden Trend um sechs Prozent zurückgegangen. Besonders deutlich sei das Griechenland-Geschäft im April eingebrochen – dem Monat, in dem die Debatte um die Hilfen am hitzigsten geführt wurde.

In der nächsten Woche sollen die gesetzlichen Voraussetzungen in Athen wie in Berlin für das Rettungspaket geschaffen werden. Am 7. Mai wollen die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone den Deal endgültig absegnen. Dabei und danach geht es nicht nur um neue Glaubwürdigkeit für Griechenland, wie Papandreou sagt. Es geht auch darum, das Vertrauens in den Euro wieder zu gewinnen – und das Vertrauen untereinander in der Euro-Zone. Dazu werden durchgreifende Reformen im Euro-Finanzgefüge nötig sein.


Argentinien vor Schuldenschnitt?

Gefunden bei n-tv.de:

Freitag, 30. April 2010

Gläubiger sollen auf Hälfte verzichten – Argentinien vor Schuldenschnitt

Während in Europa um die finanzielle Zukunft Griechenlands gerungen wird, will Argentinien sich mit seinen Gläubigern auf einen hart umrungenen Schuldenschnitt einigen. Acht Jahre nach der Staatspleite sollen Investoren auf rund die Hälfte ihrer Ansprüche verzichten, um dem Land den Weg zurück an den Kapitalmarkt zu ermöglichen.

Argentinien bringt seine geplante Umschuldung voran und will das Angebot ab der kommenden Woche seinen Gläubigern unterbreiten. Wirtschaftsminister Amado Boudou will den Plan zunächst am Montag in Rom vorstellen, am Dienstag und Mittwoch in London und in der darauffolgenden Woche in New York.

Die Investoren der nicht bedienten Anleihen im Umfang von 20 Mrd. US-Dollar haben bis zum 7. Juni Zeit, den Abschlägen zuzustimmen. Analysten zufolge bietet das lateinamerikanische Land für jeden investierten Dollar etwa 52 Cent an.

Teurerster Staatsbankrott

Argentinien war im Jahr 2002 mit einem Schuldenberg von 100 Mrd. US-Dollar zahlungsunfähig geworden, der bislang teurerste Staatsbankrott in der Geschichte. In diesem Jahr muss das Land rund 15 Mrd. US-Dollar neu finanzieren. Zudem hat die Regierung wegen Wahlen im kommenden Jahr Ausgabensteigerungen von 30 Prozent eingeplant. Sie will sich bald mit den Gläubigern einigen, um nach achtjähriger Pause an den Kapitalmarkt zurückkehren zu können.

Die argentinische Pleite weist erstaunliche Parallelen zur aktuellen Krise in Griechenland auf. In beiden Fällen handelt es sich um hoffnungslos überschuldete Länder, die ihre währungspolitische Souveränität aufgegeben haben. Anders als Argentinien dürfte Griechenland als Teil einer Währungsunion jedoch am Kollaps vorbeischrammen.

Die Zahlungsunfähigkeit in Argentinien löste damals schwere Unruhen aus. Supermärkte wurden geplündert, mehrere Demonstranten getötet. In den Wochen um den Jahreswechsel 2001/2002 lösten sich insgesamt fünf Präsidenten ab. Argentinien gab die Dollar-Bindung schließlich auf und wertete die Landeswährung Peso um 65 Prozent ab.

nne/rts/AFP


Griechenland: “Abfluss privater Spareinlagen” bei griechischen Banken…

Auf gut Deutsch “Bankrun”! Hier sollte man ein verstärktes Augenmerk drauf haben – denn wie bereits früher geschrieben ( => “Griechenland: Banken in desolatem Zustand…“), haben sich die griechischen Banken (auf Befehl?) den Bauch mit griechischen Staatsanleihen vollgesaugt und das rächt sich nun. Und wenn die griechischen Banken umgehen, dann dauert es nicht lange, bis auch in anderen Ländern die Leute vor den Banken stehen und an ihr Erspartes wollen => das kann sich ganz schnell zu einem Flächenbrand ausweiten!

Gefunden bei handelsblatt.com:

29.04.2010 14:39 Uhr

Risiken: Die Banken sind Griechenlands Achillesferse

Die Lage in Griechenland spitzt sich zu. Die Vertrauenskrise in den Staat schlägt mittlerweile voll auf die Banken durch. Die griechischen Kreditinstitute bekommen von ausländischen Geldhäusern praktisch kein Geld mehr. Ihre Schieflage könnte die Rettung des Landes drastisch verteuern.

von Yasmin Osman und Donata Riedel

FRANKFURT/BERLIN. Für die Kreditinstitute wird es immer schwerer und teurer, sich zu finanzieren. Die Bundesregierung macht sich nach Angaben aus Regierungskreisen ernste Sorgen um die Stabilität der griechischen Institute. Sie befürchtet, dass diese gar nicht auf die Rettung des Landes warten können. Am 10. oder 12. Mai plant die Europäische Union einen Sondergipfel, am 19. Mai muss das Land eine Anleihe ablösen. Das ist spät, warnt ein Bankmanager: “Ich glaube nicht, dass die griechischen Banken das bis zum 12. Mai durchhalten”, sagt er.

Eine Schieflage der griechischen Banken hätte gravierende Folgen: “Wenn die Banken umkippen, dann muss der griechische Staat sie stützen, hat aber gar nicht das Geld dafür”, sagte der Banker. Auch politisch wäre das gravierend. “Wenn die griechischen Bürger auch noch ihre Ersparnisse verlieren, dann bekommen sie da wirklich Anarchie”, heißt es in Finanzkreisen.

Die Vertrauenskrise in den Staat schlägt mittlerweile voll auf die griechischen Banken durch. Zwar finanzierten sich die Institute bislang vor allem über Spareinlagen ihrer Kunden, doch diese fließen zunehmend ab. “Das unmittelbarste Problem der Banken ist derzeit der Abfluss privater Spareinlagen, schreiben die Analysten von Creditsights. Vom Kapitalmarkt sind die Institute praktisch ausgeschlossen. “Die europäischen Banken vertrauen Griechenland und Portugal nicht mehr”, sagt ein Banker. Deshalb bekämen auch die Banken dieser Länder kein Geld mehr.

Die Auslandsverschuldung griechischer Banken beziffert die Ratingagentur Standard & Poor?s auf 112,9 Mrd. Euro, von denen vier Fünftel kurzfristig sind. Doch derzeit können die griechischen Institute ihren Kapitalbedarf daher nur durch Kredite der Europäischen Zentralbank (EZB) abdecken. Ende Dezember finanzierten die vier größten griechischen Banken acht Prozent oder 36 Mrd. Euro ihrer Bilanzsumme über die EZB, schreibt Creditsights. Bei spanischen Banken sind es nur zwei Prozent.

Am Dienstag unterlegte die griechische EFG Eurobank eine knapp drei Mrd. Euro große Anleihe mit Staatspapieren, um sie bei der EZB einzureichen. Denn die EZB verleiht ihr nur Geld gegen Sicherheiten – wie zum Beispiel griechische Staatsanleihen. Da deren Wert aber gesunken ist, haben die Banken immer weniger Material, das sie gegen Kredite eintauschen können. Willem Buiter, Chefvolkswirt der Citigroup, warnt, dass den griechischen Banken die Sicherheiten ausgehen könnten, mit denen sie sich EZB-Mittel beschaffen dürfen.

Richtig problematisch würde es für griechische Banken bei einer Umschuldung. Sie besitzen rund 42 Mrd. Euro an Staatsanleihen. “Nach unseren Berechnungen haben die vier größten Institute des Landes acht bis zehn Prozent ihrer Bilanzsumme in griechischen Staatsanleihen angelegt”, sagt Fitch-Analyst Christian Kündig. Käme es zu einem Schuldenschnitt müssten drei der vier größten Institute rekapitalisiert werden, schreibt die Citigroup. Dies gilt als ein Grund dafür, dass die griechische Regierung sich gegen eine Umschuldung sträubt. Die vier größten Banken sind National Bank of Greece, EFG Eurobank, Alpha Bank und Piraeus Bank.

Längst ist das Problem nicht mehr auf griechische Banken beschränkt. Auch Portugal und seine Banken gelten als nicht mehr kreditwürdig, heißt es in Finanzkreisen. In Portugal sind deutsche Banken noch stärker als in Griechenland engagiert: Während sie in Griechenland Ende 2009 etwa 45 Mrd. Dollar an die öffentliche Hand, Banken und Unternehmen verliehen hatten, waren es in Portugal 47,4 Mrd. Dollar.

Bisher mussten deutsche Banken griechische Bonds im Wert korrigieren: Es gab keine Umschuldung. Falls die Bonds im Handelsbestand liegen, müssen die Banken aber Kursverluste bilanzieren. Doch die meisten halten solche Anleihen im Bankenbuch. Dort können sie das ignorieren. Das schlechte Rating – seit Dienstag gelten griechische Anleihen als Ramsch – kann in einigen Fällen Folgen für die Eigenkapitalunterlegung haben. Sie steigt, wenn die Bonität eines Papiers sinkt. Doch das gilt nur für Banken, die einen fortgeschrittenen Bewertungsansatz verfolgen. Kleine Banken, die das Standardverfahren nutzen, müssen europäische Anleihen gar nicht mit Kapital unterlegen.


Griechenland: “Eigentlich hilft nur eine Umschuldung – mit Verzicht der Gläubiger”

Der Artikel enthält auch eine interessante Grafik mit den Abschlägen für die Gläubiger bei den jüngsten Staatspleiten (z.B. Russland, Argentinien oder Ecuador)… Gefunden bei faz.net:

Griechenland

Umschuldung erscheint unausweichlich

Die Finanzmärkte bleiben skeptisch: Selbst die Hilfen von Währungsfonds und Euro-Ländern werden Griechenland womöglich nicht nachhaltig aus seiner aktuellen Schuldenklemme befreien. Eigentlich hilft nur eine Umschuldung – mit Verzicht der Gläubiger.

Von Bettina Schulz, London

27. April 2010

Das vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und von der Europäischen Union geplante Hilfspaket für Griechenland beruhigt die Investoren an den Finanzmärkten nicht. Ein Blick auf die beiden größten Schuldenkrisen der vergangenen Jahre und die brenzlige Haushaltssituation Griechenlands zeigt, warum griechische Anleihen an den Märkten weiterhin als hochriskant eingestuft werden: Sowohl in der Russland-Krise 1998 als auch in der Argentinien-Krise 2001 haben Hilfen des IWF, der Weltbank und anderer Staaten eine Umschuldung nicht verhindert.

Auch jetzt bietet das Hilfspaket Griechenland nur Beistand, um in Kürze fällige Schulden zu bedienen. Selbst wenn das Hilfspaket in den kommenden zwei Jahren insgesamt auf 80 bis 90 Milliarden Euro aufgestockt wird, wie es die Londoner City erwartet, garantiert dies nicht, dass eine Umschuldung Griechenlands vom Tisch ist.

Abschläge bei Staatspleiten (klicken für größere Darstellung)

Für die Anleger verheißt dies nichts Gutes: Nach einer Untersuchung der Ratingagentur Moody’s mussten Investoren bei 13 Zahlungsausfällen von Regierungen zwischen 1998 und 2008 im Durchschnitt einen Abschlag von 50 Prozent auf den Nennwert der Anleihen hinnehmen. Mit argentinischen Papieren verloren die Anleger 73 Prozent und mit russischen Anleihen gar 82 Prozent. Russland schaffte es erst vergangene Woche wieder, eine Euro-Anleihe aufzulegen. Argentinien ist die Rückkehr an die internationalen Kapitalmärkte bis heute nicht gelungen.

Russische Schuldenkrise 1998

Der Kern der Russland-Krise ging darauf zurück, dass das Land seit 1995 den Rubel an den Dollar koppelte, das Land jedoch nach der Asien-Krise so hohe Zinsen zahlen musste und wirtschaftlich so litt, dass der Staat 1998 die Bedienung seiner Rubel-Schulden aussetzte und die Währung abwertete. Wenig später wurden auch die Dollar-Anleihen der Außenhandelsbank nicht mehr korrekt bedient. Hilfen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank 1998 verhinderten eine Umschuldung nicht.

Argentinische Schuldenkrise 2001

Auch in Argentinien ging die Schuldenkrise zunächst auf die Koppelung des Peso an den Dollar zurück und auf den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit des Landes im Zuge des aufwertenden Dollar und den damit verbundenen Schwund seiner Währungsreserven. Auch hier versuchten der IWF, die Weltbank, die Entwicklungsbank IADB und Spanien zu helfen. Es wurden zunächst Anleihen in Wertpapiere mit längeren Laufzeiten getauscht. Aber Argentinien verfehlte die mit dem IWF ausgehandelten Ziele für das Haushaltsdefizit, erhielt keine IWF-Mittel mehr und landete in der Umschuldung.

Russland und Argentinien erholten sich in den Folgejahren wirtschaftlich mit Hilfe des globalen Konjunkturaufschwungs und der Nachfrage nach Rohstoffen. Außerdem verfolgten beide Länder einen Reformkurs. „Für eine langfristig erfolgreiche Sanierung öffentlicher Haushalte sind somit fundamentale Reformen entscheidend. Das Einschreiten des IWF oder Dritter hilft, garantiert aber keinen Sanierungserfolg“, warnt die Commerzbank mit Blick auf diese Schuldenkrisen.

Der Fall Griechenland

Eine mittel- oder langfristige Umschuldung Griechenlands ist daher nicht vom Tisch. Im Gegenteil: Die Belastungen für das Land sind höher als bei jeder anderen vergleichbaren Schuldenkrise. Die Schuldenquote ist mit 115 Prozent extrem hoch, das Haushaltsdefizit mit 13,6 Prozent gewaltig; die Rezession und das deshalb sinkende Bruttoinlandsprodukt verhindern eine Verringerung der Schulden- und Defizitquote. Griechenland kann innerhalb der Währungsunion nicht abwerten, wie dies Russland und Argentinien mit eigenständigen Währungen konnten. Griechenland verfügt zudem über keine wettbewerbsfähige Exportkraft.

Selbst wenn Griechenland in diesem Jahr 45 Milliarden Euro und in den kommenden beiden Jahren nochmals 45 Milliarden Euro Kredithilfe erhielte und diese auf Jahre nicht zurückgefordert würden, wären die Konsequenzen hart: Griechenland müsste nach Berechnungen von Barclays Capital sein Haushaltsdefizit (ohne Einrechnung von Zinszahlungen) von 8,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes bis zum Jahr 2014 in einen Überschuss von 6,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wandeln, um die Schuldeneskalation zu bremsen und im Jahr 2050 wieder eine tragbare Schuldenquote von 60 Prozent zu erreichen. An den Finanzmärkten wird bezweifelt, dass eine so harte Haushaltspolitik realistisch ist.

Umschuldung

Eine Umschuldung bringt Griechenland angesichts seines hohen Schuldenberges nur etwas, wenn der Schuldenverzicht entsprechend stark ausfällt. Ein Tausch von kurz laufenden Anleihen in Anleihen mit längerer Laufzeit bringt wenig: Würde Griechenland jetzt eine zweijährige Anleihe mit einem Zinskupon von 4,3 Prozent in eine Anleihe mit einer Laufzeit von 15 Jahren und einer derzeitigen Marktrendite von 8 Prozent tauschen, würde es seine Zinsbelastung um 68 Prozent erhöhen, sich langfristig also nur noch mehr in die Insolvenz manövrieren.

Einen wirklichen Unterschied würde langfristig nur eine Umschuldung mit drastischem Schuldenverzicht machen. Dies würde die Investoren teuer zu stehen kommen: Französische und deutsche Banken halten jeweils etwa 20 bis 30 Milliarden Euro Griechenanleihen, Versicherungen und Anleihefonds jeweils 40 bis 50 Milliarden Euro, griechische Pensionsfonds und Banken etwa jeweils 30 bis 45 Milliarden Euro.

Würde der ausstehende Schuldenbestand um 45 Prozent verringert, blieben dem Anleger je nach Rendite von 6 bis 8 Prozent nur 40 bis 50,58 Cent je Euro in der Tasche. Bei einem Abschlag von 75 Prozent blieben dem Anleger nach Berechnungen von Barclays Capital je nach Rendite 18,4 bis 23 Cent je Euro übrig, und auch da müsste Griechenland sein Haushaltsdefizit ohne Einrechnung der Zinsbelastung in einen Überschuss wandeln.

Zusätzlich zu den Griechenland-Verlusten besteht die Gefahr, dass sich auch die Renditen für zum Beispiel portugiesische Anleihen ausweiten könnten. Die Frage ist, ob eine Umschuldung angesichts der Risiken für andere Peripherieländer in der Währungsunion sofort etwas bringt.

Zahlungsausfall und Moratorium

Zudem muss zwischen Zahlungsausfall, Umschuldung und Moratorium unterschieden werden. Im Gegensatz zum Zahlungsausfall und zu einem einseitig von einer Regierung verkündeten Moratorium kann eine Umschuldung vereinbart und von der Mehrheit der Anleihegläubiger abgesegnet werden. Die Commerzbank berichtet, dass in der Regel 90 Prozent der Investoren die ausgehandelten Umtauschbedingungen großer Umschuldungen bisher akzeptiert haben. Nur im Falle Argentiniens wurden die Konditionen angesichts der Leistungsfähigkeit des Landes als zu mager abgelehnt.

Im Falle Griechenlands werden 75 Prozent der Schulden im Ausland gehalten, und zwar weitgehend in Europa. Barclays Capital vermutet, dass die Vereinbarung einer freiwilligen Umschuldung in Form von Laufzeitenverlängerung daher nicht schwerfallen dürfte. Die Bank vermutet allerdings, dass es erst dazu kommen wird, nachdem Griechenland zumindest versucht hat, Herr der Lage zu werden.

Theoretisch stehen bei einer Umschuldung mehrere Wege offen: niedrigere Zinsen, Tausch der Anleihen in länger laufende Papiere, Abstufung der Anleihen in der Rangfolge der Gläubiger und Ersatz durch Anleihen einer anderen Währung. Solange ein Land von Rating-Agenturen mit der Bonitätsstufe „Aaa“ versehen wird, können Anleihen in die entsprechende Heimatwährung getauscht werden. Deutschland könnte seine Euro-Anleihen theoretisch bei einer Neueinführung der D-Mark umbenennen. Griechenland, Portugal und Irland dürfen dies mangels ihrer Bonitätsbewertung mit einem „Aaa“ durch die Rating-Agenturen nicht, ohne dass nicht automatisch der rechtliche Fall einer Umstrukturierung greifen würde.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: AP, F.A.Z., picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa


Griechenland: Banken in desolatem Zustand…

Interessant: allein die vier größten griechischen Geschäftsbanken halten Staatsanleihen im Wert von 40 Mrd. EUR => lesenswert! Gefunden bei faz.net:

Griechenland

Die Finanzmärkte spekulieren auf eine Staatspleite

Griechenland muss am 19. Mai 8,5 Milliarden Euro für eine fällige Anleihe aufbringen. Doch selbst bei einem rechtzeitigen Eintreffen der Hilfskredite ist fraglich, ob eine Umschuldung der griechischen Staatsschulden noch zu vermeiden ist. Für die griechischen Banken steht dabei viel auf dem Spiel.

Von Rainer Hermann und Stefan Ruhkamp

Zinsverlauf 2-jähriger griechischer Anleihen (klicken für größere Darstellung)

26. April 2010

Die griechische Schuldenkrise hat sich am Montag weiter verschärft. Selbst zu ungewöhnlich hohen Kursabschlägen von mehr als 4 Prozent seien nur wenige Investoren zum Kauf von griechischen Staatsanleihen bereit gewesen, berichteten Händler. Die Rendite zweijähriger griechischer Titel stieg um 3 Prozentpunkte auf 13 Prozent. Zuletzt war sie im Jahr 1998 – noch zu Zeiten der Drachme und vor der Einführung des Euro – so hoch.

Zugleich verschlechterten sich auch die Finanzierungsbedingungen für andere finanzschwache Euro-Mitglieder, weil viele Investoren ein Übergreifen der Schuldenkrise fürchten. Betroffen ist vor allem Portugal. Die portugiesische Staatsverschuldung steigt ähnlich schnell wie die griechische. Außerdem haben beide Länder ähnlich hohe Leistungsbilanzdefizite; sie führen also viel mehr Güter und Dienstleistungen ein als sie ausführen. Die Rendite zweijähriger portugiesischer Staatsanleihen erhöhte sich am Montag um 0,66 Punkte auf 3,6 Prozent. Ähnlich hoch war der Anstieg für irische Anleihen auf 2,8 Prozent, während sich italienische und spanische Schuldtitel besser hielten. Der Euro verlor nur geringfügig an Wert und die Aktienmärkte setzten ihre seit Frühjahr vergangenen Jahres dauernde Hausse fort.

Die Verunsicherung der Anleger konzentrierte sich also weitgehend auf den Markt für griechische Anleihen. Händler berichteten, die Sorge, dass sich die von den Euro-Staaten und dem Internationalen Währungsfonds in Aussicht gestellten finanziellen Hilfen verzögern könnten, hätte die Anleger beunruhigt. Sie misstrauten Äußerungen des griechischen Finanzministers George Papaconstantinou, der am Wochenende behauptet hatte, Überbrückungskredite ständen bereit. Griechenland muss am 19. Mai 8,5 Milliarden Euro für eine fällige Anleihe aufbringen und zudem das laufende Defizit des Staatshaushalts von monatlich rund 2 Milliarden Euro finanzieren. Zudem seien die Kursschwankungen in den vergangenen Tagen so hoch gewesen, dass viele institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Banken oder Versicherer aus Gründen der Risikosteuerung nicht in griechische Anleihen investieren dürften, selbst wenn sie an eine Rückzahlung der Schulden glaubten. Obendrein verdichtete sich wegen mehrerer Analystenberichte die Spekulation, dass eine Umschuldung der griechischen Schulden selbst bei einem rechtzeitigen Eintreffen der Hilfskredite nicht zu vermeiden sei.

Käme es zu einem solchen Schuldenschnitt, wäre die Stabilität des griechischen Bankensystems unmittelbar gefährdet. Die vier größten Geschäftsbanken halten griechische Staatsanleihen im Wert von 40 Milliarden Euro. Dem steht ein Eigenkapital von nur 25 Milliarden Euro gegenüber. Gemessen im Verhältnis zum Eigenkapital entfällt das größte Engagement auf die EFG Eurobank. Sie hält griechische Staatsanleihen im Wert von 12 Milliarden Euro, was 189 Prozent ihres Eigenkapitals entspricht. Am 7. April hatten die vier Banken bei der Regierung die zweite Tranche von 15 Milliarden Euro des Bankenrettungspakets vom November 2008 beantragt. Neben der EFG Eurobank benötigen die National Bank of Greece, die Piraeus Bank und die Alphabank, die in diesem Jahr ihr zuvor niedriges Engagement aufgestockt hat, frische Liquidität.

Mit einem Abschlag auf griechische Staatsanleihen rechnet der Kölner Vermögensverwalter Bert Floßbach nach seiner Rückkehr aus Griechenland. Aufgrund der hohen Gesamtverschuldung und des hohen Zinssatzes habe eine Rettungsaktion nur mit einer Umschuldung Chance auf Erfolg.

Die Muttergesellschaft der EFG Eurobank, die European Financial Group (EFG) SA des griechischen Reeders Spiros Latsis, hatte im vierten Quartal 2009 den Sitz von Genf nach Luxemburg verlegt. Im gleichen Quartal gingen in der Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Forderungen der Schweizer Banken an private und öffentliche Schuldner in Griechenland um 60 Milliarden Euro zurück, das entspricht einem Fünftel aller gehandelten griechischen Staatsanleihen von 305 Milliarden Euro. Mutmaßlich füllen die Verwaltung von Staatsanleihen für Dritte durch andere Tochtergesellschaften der EFG Group und Unternehmensanleihen die Differenz zu den 12 Milliarden Euro der Eurobank.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: F.A.Z.


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